Kultur
Der romanische Jagdfries des Kaiserdoms zu Koenigslutter (Foto vom 04.04.17). Menschen- und Tierkoepfe, Fabelwesen sowie verschiedene Jagdszenen reihen sich an der Hauptapsis der Kirche aneinander
© epd-NDS / epd-bild/Bjoern Schlueter
Wo der Osterhase mit dem Teufel ringt
Der Jagdfries am Kaiserdom Königslutter gibt Rätsel auf
Königslutter, Kr. Helmstedt (epd). Er ist Skandal, Rätsel und herausragende Bildhauerkunst in einem. Der romanische Jagdfries des Kaiserdoms zu Königslutter ganz im Osten Niedersachsens strapaziert seit Jahrhunderten die Fantasie der Betrachter. Menschen- und Tierköpfe, Fabelwesen sowie verschiedene Jagdszenen reihen sich an der Hauptapsis der Kirche aneinander, die Kaiser Lothar III. im Jahr 1135 als seine Grablege stiftete. "Eine abschließende Erklärung zur Bedeutung gibt es bis heute nicht", sagt Norbert Funke, der den Kaiserdom für die Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz betreut.

Skandalös sei die Darstellung vor allem wegen der Jagdszenen, sagt Funke. "Eigentlich ist eine so profane Bauplastik einer Jagd ein Unding an einer Kirche. Und dann bringen im zentralen Bild auch noch Hasen den Jäger zur Strecke." Dennoch ließe sich die Jagd aus Sicht der Benediktinermönche, die dem Bau der Kirche einst beiwohnten, gut erklären. "Sie kannten biblische Texte, mittelalterliche Literatur und den Physiologus - ein frühchristliches Naturlehrwerk, das Pflanzen, Steine und Tiere allegorisch auf das christliche Heilsgeschehen hin deutet", sagt Funke. Demnach könnten die zwei Hasen das Gute symbolisieren, welches das Böse in Gestalt des Jägers überwindet.

Die Erklärung klinge zwar gut, sei aber aus vielen Quellen zusammengesammelt. "Nach diesem Ansatz kann man auf den Jagdfries jede beliebige Symbolik projizieren und wird dann schon Belege finden", sagt Funke. So habe es beispielsweise in den 1970er Jahren eine These gegeben, dass der Jagdfries den Mondzyklus beschreibe. "Er besteht aus 15 Bögen und 12 Konsolen. Das macht 27. Der Mondzyklus dauert aber etwa 29 und einen halben Tag", rechnet Funke vor, schüttelt den Kopf und deutet dann auf ein kleines Ornament an der Seite des Frieses. "Siehe da! Zwei Blätter und ein halbes noch dazu. Schon passt es."

Ein weiterer Ansatz kommt zu dem Schluss, dass die zentrale Jagdszene ein Vexierbild ist - ein Suchbild, das eine nicht auf den ersten Blick erkennbare Figur enthält. "Mit viel Fantasie werden Hasenohren zu Teufelshörnern und weitere Teile der Plastik ergänzen sich zu einer Teufelsfratze." Grüßt also ein steinerner Teufel von der Apsis des Kaiserdoms? Funke will dieser These nicht folgen. Schulkinder hätten die Hasen des Frieses auch schon als Osterhasen gedeutet. "Wenn man lange genug sucht, findet man vielleicht auch noch ein Osterei im Motiv, dann wäre das ebenfalls plausibel."

Weitgehende Einigkeit besteht inzwischen zumindest darüber, dass der italienische Baumeister Nicolaus das Werk geschaffen hat. "Das Rätsel zu lösen, hat nur 850 Jahre gedauert", sagt Funke und lacht. Schlüssel sei eine spiegelverkehrt eingemeißelte Inschrift. "Hoc opus eximium vario celamine mirum sc (ulpsit) - Dieses vortreffliche Werk, durch mannigfaltige Meißelarbeit wunderbar, hat gemeißelt", steht an der rechten Seite des Frieses geschrieben. Der Satz bricht genau dort ab, wo ein Künstlername zu erwarten wäre. Darunter befindet sich allerdings die Darstellung eines Jägers, der einen erlegten Hasen schultert. Ein genialer Hinweis auf Baumeister Nicolaus.

Dazu ist wieder Fantasie gefragt: Der Name des Baumeisters setzt sich aus den griechischen Wörtern "nikáo" (siegen) und "laós" (Volk) zusammen, erklärt Funke. "Wenn man den Buchstaben "g" hinzufügt kommt 'nikáo lagos' heraus - Hasenbesieger." Diese Erklärung klinge zwar zunächst auch abstrus. Allerdings gebe es Belege für die Arbeit oberitalienischer Bildhauer am Kaiserdom. Dazu komme, dass Nicolaus auch an anderen Bauwerken etwa in Piacenza und Verona Skulpturen hinterlassen habe, die mit dem Betrachter spielen. "Er hatte Spaß daran und ein großes Selbstbewusstsein. Nicolaus war einer der besten Bildhauer seiner Zeit und wusste das auch."

Funke will sich auch weiterhin mit dem Jagdfries und seiner Deutung auseinandersetzen. Aktuell gehe er einer These nach, dass die Spiegelschrift noch weitere verborgene Botschaften enthalte, sagt er. Mehr als diese Andeutung will er aber noch nicht verraten - und gibt sich damit so geheimnisvoll wie der Jagdfries selbst. (2082/12.04.17)

Von Björn Schlüter (epd)