Kirche
Eine aquarellierte Zeichnung eines unbekannten Kuenstlers aus der Mitte des 16. Jahrhunderts zeigt den Reformator Martin Luther (1483-1546, l.), der mit dem Papst eine Kirche zersaegt. Das Bild ist in der Ausstelung zu "Luthermania - Ansichten einer Kultfigur" zu sehen, die bis 17. April 2017 in der Herzog August Bibliothek in Wolfenbuettel (Niedersachsen) gezeigt wird.
© epd-bild / Herzog August Bibliothek
Vom "Kirchenspalter" bis zum Nationalhelden
Herzog August Bibliothek zeigt Luther-Bilder aus fünf Jahrhunderten
Wolfenbüttel (epd). Der Reformator Martin Luther (1483-1546) auf der linken Seite, ein nahezu vollständig durchtrenntes Kirchenschiff in der Mitte, und rechts der Papst. "Quasi mit ökumenischer Säge arbeiten die zwei zusammen", beschreibt Kurator Hole Rößler die aquarellierte Zeichnung aus der Mitte des 16. Jahrhunderts. Sie wurde erst vor kurzem in den Beständen der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel wiederentdeckt - jetzt ist sie erstmals öffentlich ausgestellt. "So war die Sache mit der Kirchenspaltung noch nie zu sehen", erläutert Rößler. "Selbst ohne ein erklärendes Wort weiß der Betrachter sofort, was gemeint ist."

Das Bild gehört zur Ausstellung "Luthermania - Ansichten einer Kultfigur", die noch bis zum 17. April in der international bekannten Bibliothek zu sehen ist. Es verdeutlicht, worum es der Schau geht: Luthers Wirkung steht im Mittelpunkt, nicht seine Person. Anhand von rund 70 ausgewählten Exponaten wie Büchern, Flugblättern, Karikaturen oder Objekten zeigt die Bibliothek, wie sich das gängige Bild des Reformators in fünf Jahrhunderten immer wieder gewandelt hat.

Eine historische Übersicht zum Leben und Werk von Martin Luther ließe sich in Wolfenbüttel leicht geben - dort lagert die größte Sammlung von Luther-Drucken weltweit. "Hinzu kommt eine veritable Sammlung von Luther-Handschriften", betont Rößler. Dennoch wollten er und sein Team sich dem Reformator auf ganz neue Weise nähern. "Eigentlich hat jeder bereits ein Bild von Luther im Kopf", sagt er. Daher stelle Schau "Luthermania" die Frage, wie diese Vorstellungen entstanden sind.

"Das Gefäß Luther wurde wiederholt geleert und neu gefüllt", betont Rößler. "Er wurde immer wieder regelrecht instrumentalisiert." So hätten die Preußen ihn im 19. Jahrhundert quasi als Vordenker einer deutschen Einheit eingespannt. "Das hatte mit Konfessionen wenig zu tun und ist eine schöne Geschichtsverdrehung, aber es hat funktioniert." Grammatik-Schreibern diente seine Bibelübersetzung als Standardwerk der deutschen Sprache, auf das sie sich bezogen. In der NS-Zeit hätten seine antijüdischen Schrift manchem Theologen eine willkommene Basis zur Rechtfertigung von Gräueltaten gegeben. Die Liste ließe sich beliebig verlängern - Luther als Kirchenvater oder Kirchenspalter, als Nationalheld, Ketzer oder Aufklärer.

Unter den gezeigten Stücken dürfen natürlich "Klassiker" nicht fehlen. So ist das berüchtigte Tintenfass zu sehen, mit dem Luther auf der Wartburg nach dem Teufel geworfen haben soll. Luthers Ehering, ein "Lutherglas", ein "Lutherlöffel" - Rößler nennt solche Exponate nicht umsonst "Reliquien". Sein persönliches Lieblingsstück in dieser Reihe ist ein kleiner Fetzen schwarzer Stoff. Der stammt angeblich von Luthers Rock. "Wenn da nicht der Name dabeigestanden hätte, wäre der Fetzen mit Sicherheit schon lange weggeworfen worden." Doch der Stoff blieb erhalten, die "Marke Luther" hat funktioniert.

Für Rößler machen solche aus Sicht der Exponaten erzählten Geschichten klar: "Die Wirkung Luthers hat längst nicht nur mit seiner Theologie zu tun, sondern auch viel mit dem Grad an Berühmtheit, den er erreichte." Deswegen solle die Ausstellung die Besucher vor allem zum Nachdenken anregen. "Wenn jemand hinterher aus der Bibliothek geht und sich fragt: Wo ist er denn nun, der eigentliche, der wahre Luther, den ich bisher zu kennen glaubte, dann haben wir unser Ziel erreicht." (6171/16.02.17)

Von Björn Schlüter (epd)