Soziales
Ein aelterer Strafgefangener steht am 16.01.2018 in seiner Zelle in der JVA Sehnde in Niedersachsen.
© epd-bild / Harald Koch
Senioren hinter Gittern
Gefängnisse in Deutschland richten sich auf steigende Zahl älterer Häftlinge ein
Sehnde, Reg. Hannover (epd). Das Tattoo am Hals ist schon verblasst. "Das sollte mal eine Rose werden", erzählt Klaus N. in sächsischer Mundart und dreht das Kinn ein wenig zur Seite. Eine Erinnerung an bessere Tage. Jetzt sitzt der 62-Jährige im Gefängnis. Das lichte Haar ist angegraut, am Saum des T-Shirts baumelt lässig seine Brille. Einst hat Klaus N. Dächer gedeckt, später als Barkeeper gearbeitet. Doch nach drei Herzinfarkten, einem Schlaganfall und mit einem Augenleiden ging das nicht mehr: "Mich lässt keiner mehr aufs Dach." Weil er kaum Geld hatte, fuhr er mit öffentlichen Verkehrsmitteln immer wieder schwarz, bezahlte die Strafgelder nicht. Deshalb verbüßt er zurzeit eine Ersatzfreiheitsstrafe von zwei Monaten in der Justizvollzugsanstalt Sehnde bei Hannover - und ist damit ist einer von bundesweit rund 2.000 Menschen über 60, die hinter Gittern sitzen.

Vier Prozent der insgesamt mehr als 50.000 Häftlinge zwischen Flensburg und dem Bodensee gehören inzwischen zur Gruppe der Senioren - Tendenz steigend. Ganz überwiegend sind es Männer, die noch im höheren Lebensalter im Knast landen oder dort alt werden, weil sie eine lange Strafe verbüßen. Rund 380 Strafgefangene sind sogar schon über 70. "Manche werden im Seniorenheim verhaftet und gehen dahin wieder zurück", sagt die stellvertretende Leiterin der JVA Sehnde, Kerstin Buckup. Andere seien schon alte Bekannte im Gefängnis und kämen immer wieder.

Einer der ältesten Gefangenen Deutschlands könnte demnächst der 96-jährige frühere SS-Mann Oskar Gröning sein. Er war 2015 wegen Beihilfe zum hunderttausendfachen Mord im Konzentrationslager Auschwitz im Jahr 1944 zu vier Jahren Haft verurteilt worden - die Staatsanwaltschaft Lüneburg lehnte sein Gnadengesuch im Januar ab.

Gewaltdelikte wie Körperverletzung oder der Einsatz von Waffen seien bei älteren Häftlingen eher die Ausnahme, erläutert Thomas Bliesener, Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen. Ältere Straffällige begingen eher Eigentumsdelikte wie Diebstahl oder Betrug, auch im Internet. "Das Gros sind dabei Personen, die aus prekären Situationen heraus eine Straftat begehen."

Laut Buckup ist die zunehmende Zahl älterer und auch körperlich gebrechlicher Menschen eine Herausforderung für den Strafvollzug. Einige Haftanstalten haben deshalb bereits eigene Abteilungen oder sogar eine Außenstelle für Ältere eingerichtet wie etwa in Detmold oder in Singen am Bodensee. Sehnde, eine der größten Vollzugsanstalten in Niedersachsen mit 529 Plätzen für Männer, hat sich für altersgemischte Stationen entschieden: "Die Älteren finden es gut, mit Jüngeren zusammen zu sein."

Klaus N. bewohnt eine Station im Erdgeschoss mit 22 Gefangenen. In seiner Zelle reihen sich auf dem Regal über dem Bett Kaffee und Tee aneinander, auf einem kleinen Tisch gegenüber Teller und Tassen, ein Aschenbecher, ein Radio. "Ich höre viel Sport und Nachrichten, dann bin ich glücklich." Jeden Tag darf er für vier bis fünf Stunden aus seiner Zelle heraus, dann ist "Aufschluss", vormittags und nachmittags.

"Einige Ältere sind noch total fit, die anderen haben mit dem Leben abgeschlossen", sagt Kerstin Buckup. 76 ist der älteste Gefangene in Sehnde. "Doch er interessiert sich für gar nichts. Er sitzt seine Strafe ab, schaut fern, liest Zeitung und nimmt seine Medikamente."

Der niedersächsische Strafvollzug plant Schulungen für Justizbedienstete, die lernen sollen, wie sie mit älteren Menschen umgehen. "Manche Gefangene erwarten, dass ihnen Tabletten gebracht werden. Andere können die Schuhriemen kaum noch zubinden." Wird ein Häftling pflegebedürftig, kommt ein Pflegedienst von außen in die JVA. Einer der Insassen ist auf einen Rollstuhl angewiesen, ein anderer hat einen Rollator auf seiner Zelle.

Für die medizinische Versorgung gibt es eine fest angestellte Internistin, eine Zahnärztin sowie drei Honorarärzte. Manche Insassen seien hier und da schon ein bisschen "tüddelig", sagt Buckup - doch eine Demenz gibt es in der barrierefrei gebauten Haftanstalt nicht. Wird jemand sehr schwer krank, kann er in ein Justizkrankenhaus verlegt oder in seltenen Fällen von einem Gericht für haftunfähig erklärt werden.

Klaus N. denkt in seiner Zelle oft an seine Tochter in Süddeutschland. Sie hatten immer sporadisch Kontakt, doch von der Haft und den Schulden bei dem Verkehrsunternehmen hat er ihr nichts erzählt. "Sie würde mir als Vater eine Ohrfeige geben." Seine größte Sorge ist, dass der Kontakt zur Tochter irgendwann abreißt. "Und dass meine Enkel ihren Opa nicht mehr haben wollen."

Bald wird Klaus N. wieder in Freiheit sein. Die Anstalt bereitet jeden Häftling auf diese Situation vor. "Es soll niemand vor der Tür stehen und dann überlegen, wo soll ich eigentlich hin", sagt Kerstin Buckup. Die Wünsche von Klaus J. sind bescheiden: Er hofft auf einen Heimplatz und eine Erwerbsminderungsrente. "Und dass ich noch ein paar Jahre leben kann." (5046/25.01.18)

Von Michael Grau (epd)