Kirche
Der evangelische Pastor Reinhard Arnold (62) startet am 07.04.17 an der St.-Nicolai-Kirche in Braunschweig zu einer letzten Probefahrt vor der jaehrlichen Gedenkfahrt fuer Unfallopfer,
© epd-NDS / epd-bild/Peter Sierigk
Seelsorger auf dem Motorrad
Der evangelische Pastor Reinhard Arnold organisiert seit 30 Jahren eine Gedenkfahrt für Unfallopfer
Braunschweig (epd). Bevor er den Motorrad-Helm aufsetzt, klappt der evangelische Pastor Reinhard Arnold seinen Gehstock einfach in zwei Teile zusammen. "Sonst passt er nicht in das Gepäckfach", sagt der 62-Jährige. Als er den Knopf für den Anlasser drückt, ertönt vor der Kirche ein lautes Brummen. Es ist eine seiner letzten Probefahrten vor der jährlichen Gedenkfahrt für Unfallopfer, die der Motorradfahrer-Seelsorger seit 30 Jahren organisiert. Die Veranstaltung mit mehreren tausend Bikern gilt als größte, ehrenamtlich organisierte Gedenkfahrt bundesweit.

Bei dem Korso unter dem Motto "Bring den Frieden auf die Straße" am 29. April von Salzgitter nach Braunschweig erinnern die Teilnehmer an insgesamt sieben Verkehrstote der Region. Zwar sei die Zahl der Unfallopfer in den vergangenen Jahren laut Statistik zurückgegangen, sagt der Pastor: "Doch jeder Einzelne ist einer zu viel." Seit Beginn der Gedenkfahrten haben die Biker bereits mehr als 400 tödlich verunglückter Motorradfahrer gedacht. Bis zu 16.000 Menschen kamen teilweise zu den Demos.

Vor mehr als 30 Jahren rief Arnold zunächst die sogenannte Arbeitsgemeinschaft Christlicher Motorradfahrer (acm) im Braunschweiger Land ins Leben. Anlass war der Tod eines Bikers im Nordharz und das Bedürfnis befreundeter Fahrer, um ihn zu trauern, erinnert sich der Theologe. Die Angehörigen hätten einer gemeinsamen Trauerfeier nicht zugestimmt, weil sie dem Motorradfahren indirekt mit die Schuld am Tod gaben. Aus der Arbeitsgemeinschaft entstand 1987 die erste Gedenkfahrt zunächst nach Wolfenbüttel.

Mittlerweile betreut der Seelsorger ehrenamtlich Familien von Unfallopfern in der zweiten und dritten Generation. Bewegend sei vor etwa sechs Jahren die Geschichte eines jungen Fahrers im Harz gewesen, der genau zu der Zeit der Gedenkfahrt tödlich verunglückte. "Sein Vater rief mich am nächsten Tag an, als sie ihn fanden."

Für den jährlichen Korso fertigen seit etwa zwei Jahrzehnten Berufsschüler aus Salzgitter Holzkreuze mit den Namen der Verstorbenen an. Diese werden in einer Prozession zum Gottesdienst in den Braunschweiger Dom getragen. Auch dort gibt es Biker, die seit der ersten Stunde dabei seien, sagt Arnold. "Wenn ich in den Dom gucke, sehe ich viel graues Haar."

Nach dem Gottesdienst bekommt jeder einen kleinen Aufkleber in Form einer TÜV-Plakette für den Helm, sagt Arnold. Für die Biker sei dies oft der einzige Kirchenbesuch im Jahr. Der Aufkleber soll für alle eine Erinnerung an die Segnung und zudem eine ständige Mahnung für die Vorsicht auf der Straße sein.

Arnold fährt aufgrund einer Erkrankung seit ein paar Jahren auf einem Trike, einem dreirädrigen Motorrad, mit. Der Pastor ist seit seiner Jugend leidenschaftlicher Motorradfahrer. Etwa eine halbe Million Kilometer hat er unfallfrei zurückgelegt. In 18 europäischen Ländern war er. Auch am Nordkap. Davon zeugen, neben vielen christlichen Symbolen, viele aufgenähte Flaggen auf seiner Jeans-Weste, die unter Bikern "Kutte" genannt wird.

Neben der Knopfleiste angebrachte Jahresplaketten zeigen seine regelmäßige Teilnahme bei den Gedenkfahrten. Nur einmal war er gesundheitsbedingt nicht dabei. Wie lange er noch mitfahren kann, sei ungewiss, sagt Arnold, während er nach seiner Proberunde rund um die Kirche wieder mühsam von der Maschine steigt. "Ich bin froh, solange es noch geht." Ein Nachfolger für das Ehrenamt in der Biker-Szene werde aber dringend gesucht. Die Motorrad-Seelsorge sei Beziehungsarbeit, betont Arnold. "Das kann man nicht einfach aufgeben und dann wieder neu aufbauen." (8031/18.04.17)

Von Charlotte Morgenthal (epd)