Kultur
Der Landschaftsarchitekt AW Faust hat am 29.06.2012 das neu gestaltete Gelände der KZ-Gedenkstätte Bergen-Belsen vorgestellt. Lichtungstreifen im Wald zeichnen dabei die Grenze des ehemaligen Konzentrationslagers bei Celle und einzelne Lagerbereiche nach. Stelen mit Fotografien und Texten informieren über die Geschichte des Lagers, in dem mehr als 70.000 Menschen zu Tode kamen.
© epd-bild / Jens Schulze
"Roter Winkel"
Ausstellung dokumentiert Schicksal politischer Häftlinge in Bergen-Belsen
Bergen-Belsen/ Kr. Celle (epd). Die Studentin Linnea Peters hat die Biografie von Theodor Roeingh (1882-1945) erforscht. Der frühere Reichstags-Abgeordnete der Zentrumspartei wurde mit der "Aktion Gitter" nach dem gescheiterten Attentat des 20. Juli 1944 auf Adolf Hitler von der Gestapo verhaftet. Er starb im Konzentrationslager Bergen-Belsen an Fleckfieber. Gemeinsam mit der Leibniz Universität Hannover rückt die Gedenkstätte Bergen-Belsen 72 Jahre nach der Befreiung des KZ in einer Ausstellung das Schicksal politischer Häftlinge in den Mittelpunkt. In Bergen-Belsen waren NS-Gegner aus vielen europäischen Ländern inhaftiert, sagt Gedenkstättenleiter Jens-Christian Wagner. "Das ist im öffentlichen Bewusstsein so nicht präsent."

Wagner hat gemeinsam mit Studierenden die Ausstellung "Roter Winkel" entwickelt. Sie wird am 23. April in der Gedenkstätte eröffnet. Bei der Gedenkveranstaltung am selben Tag erinnern neben Bundes- und Landespolitikern auch Überlebende an die Befreiung Bergen-Belsens durch britische Truppen am 15. April 1945. Dann wird auch Anastasja Gulej aus der Ukraine von ihren Erinnerungen sprechen. Die heute 91-Jährige gehört zu den Zehntausenden Männern und Frauen, die zwischen 1943 und 1945 als politische Gefangene nach Bergen-Belsen verschleppt wurden. Sie mussten als Kennzeichen einen roten Winkel an ihrer Häftlingskleidung tragen.

Bergen-Belsen wird in erster Linie mit dem Völkermord an den europäischen Juden in Verbindung gebracht. Mehr als die Hälfte der Häftlinge in dem KZ seien aber auch politische Gefangene gewesen, erläutert Wagner. Die meisten von ihnen starben unter den grausamen Haftbedingungen. Sie waren längst entkräftet, als sie nach Zwangsarbeit oder Deportationsmärschen aus anderen Lagern in das KZ gelangten. "Bergen-Belsen war eine Endstation des europaweiten Widerstandes", sagt Wagner.

Mit Fotos, Dokumenten und Zeitzeugenberichten zeichnet die Ausstellung exemplarisch Lebenswege nach. Die Studentinnen und Studenten haben dazu Archive durchstöbert und sich mit Angehörigen in Verbindung gesetzt. "Wir wollen zeigen, dass die politischen Häftlinge nicht nur aus einem bestimmten Land kamen oder aus einer politischen Richtung", sagt Studentin Linnea Peters. "Wir wollen die Vielfalt deutlich machen."

So berichtet die Schau über den Katholiken und Zentrums-Politiker Roeingh und über den Kommunisten Max Saupe. Auch der bekannte SPD-Politiker Heinrich Jasper zählte zu den politischen Häftlingen in Bergen-Belsen. Der frühere Ministerpräsident des Freistaates Braunschweig starb dort im Februar 1945 an den Folgen von Misshandlungen und einer Typhuserkrankung. Mindestens acht Reichtagsabgeordnete der Weimarer Republik kamen in dem KZ ebenso um, wie jüdische Widerstandskämpferinnen aus dem Warschauer Ghetto oder Mitglieder der französischen Résistance.

Anastasja Gulej überlebte. Doch nach ihrer Rückkehr schlug ihr in der Ukraine zunächst Misstrauen entgegen. Erst 1991 gelang es ihr, einen Überlebendenverband zu gründen. Auch über die Nachkriegsgeschichte, berichtet die Ausstellung. Besonders politisch Verfolgte aus dem Ausland wie aus der Sowjetunion und Mitglieder kommunistischer Parteien hätten erfolglos um Entschädigungen gekämpft, sagt Studentin Talia Hoch, die sich mit dem Bundesentschädigungsgesetz auseinandergesetzt hat. "Diesen Aspekt fand ich auch am schockierendsten."

Dabei hätten die inhaftierten NS-Gegner trotz sehr unterschiedlicher politischer Vorstellungen mit dazu beigetragen, "dass der Nationalsozialismus besiegt und Europa befreit wurde", heißt es zum Schluss der Ausstellung. Im NS-Widerstand liege auch die Wurzel eines einigen und solidarischen Europas, sagt Wagner. "Die Erfahrung aus der NS-Zeit sollte uns lehren, diese Idee hochzuhalten." (0136/20.04.17)

Von Karen Miether (epd)