Umwelt
Zwei Wölfe
© epd-bild / NABU / S. Zibolsky
Pro und Kontra: Obergrenze für Wölfe
Hannover (epd). Rund 150 Jahre lang waren sie aus Deutschland verschwunden, seit etwa 17 Jahren gibt es sie wieder: wilde Wölfe. Nach Angaben des Bundesamtes für Naturschutz leben zurzeit rund 70 Rudel und Paare sowie mehrere Einzeltiere in freier Wildbahn. Wurde die Rückkehr der Raubtiere anfangs meist begrüßt, mehren sich inzwischen die skeptischen Stimmen. In Niedersachsen haben Wölfe bislang mehrere Hundert Schafe, Ziegen und Rinder gerissen.

Aufgebrachte Weidetierhalter legten bei Demonstrationen vor dem Landtag gerissene Schafe und Damhirsche ab, im Mai protestierten sie landesweit mit "Mahnfeuern": Sie fordern eine "Obergrenze" für die bislang streng geschützten Wölfe, ihre Aufnahme ins Jagdrecht und den Abschuss von auffälligen Tieren. Umwelt- und Naturschützer sind strikt dagegen. Was spricht für, was gegen eine Begrenzung der Wolfspopulation? Der Evangelische Pressedienst (epd) mit den Pro- und Kontra-Argumenten:

PRO:

Weil sich die Tierhalter mit den negativen Folgen einer rasanten Ausbreitung des Wolfes weitgehend alleingelassen fühlen, verlangen sie von der Landesregierung in Hannover drastische Maßnahmen: Sie solle wolfsfreie Regionen schaffen, fordert Martin Holm vom Bundesverband "Deutscher Fleischrinderzüchter und -halter" aus dem niedersächsischen Oyten. Außerdem müsse das Gesetz so geändert werden, dass auf Wölfe, die Probleme machten, geschossen werden dürfe. "Wir fordern ganz klar, dass Wölfe, die Herdenschutzzäune überwinden, entnommen werden", bekräftigt der Vorsitzende der Schafzuchtverbände Niedersachsen, Joachim Rehse.

Schleppende und zu geringe Entschädigungszahlungen durch das Land trügen dazu bei, dass die Geduld der Halter erschöpft sei. Jörn Ehlers, Vizepräsident des Niedersächsischen Landvolks, verweist auf das Ausland. In der Schweiz, in Österreich, Schweden oder Finnland würden nicht nur auffällige Einzeltiere, sondern ganze Rudel getötet. Eine Regulierung des Bestandes sei auch in Deutschland dringend nötig. Eine Vertreibung der Raubtiere etwa durch Gummischrot bringe nichts. Auch Zäune seien nicht immer eine Lösung: "Der Wolf springt aus dem Stand zwei Meter hoch", erklärt Ehlers.

Auch die Oppositionsparteien im Landtag sind für eine Begrenzung der Wolfszahlen. "Wir haben so viele Wölfe in Niedersachsen, dass wir eingreifen müssen", sagt der FDP-Abgeordnete Gero Hocker. Gitta Connemann, niedersächsische CDU-Bundestagsabgeordnete fordert eine Abschussfreigabe: "Wir dürfen nicht abwarten, bis ein Mensch zu Schaden kommt."

KONTRA:

"Der Nabu heißt den Wolf seit Wiederauftreten in Deutschland willkommen", sagt der Landeschef der Naturschutzorganisation, Holger Buschmann. Wölfe spielten eine sehr wichtige Rolle im Naturhaushalt, indem sie etwa schwache und kranke Rehe fräßen und so die Wildbestände gesund hielten. Der Nabu geht davon aus, dass die Population in Deutschland erst bei einem Bestand von mehreren tausend Tieren stabil ist. Dass Wölfe bisweilen auch Nutztiere rissen, sei "von Anfang an klar gewesen."

Statt einer Obergrenze wirbt der Nabu für aktiven Herdenschutz. Als "Erfolgsmodell" preist der Wolfsexperte der Organisation, Markus Bathen, Herdenschutzhunde an. Sie würden seit Jahrtausenden weltweit erfolgreich zum Schutz von Schafen, Rindern, Pferden oder Gatterwild eingesetzt. "Wölfe riskieren in den seltensten Fällen einen Kampf mit den mindestens ebenbürtigen Hunden und ziehen weiter", sagt Bathen.

Wölfe seien für Menschen auch nicht gefährlich, positioniert sich ebenso der "International Fund for Animal Welfare" (IFAW). "Es besteht keine Gefahr von einem gesunden Wolf angegriffen zu werden, solange man ihn nicht bedrängt." In den vergangenen 50 Jahren habe es bei einem Bestand von 10.000 bis 20.000 Wölfen in Europa nur insgesamt neun tödlichen Angriffe auf Menschen gegeben, fünf davon seien auf das Konto von tollwütigen Wölfen gegangen.

Auch die Naturschützer verweisen auf das Ausland. In Italien bekommen Weide- und Wanderschäfer statt einer Entschädigung für Wolfsrisse Zuschüsse aus öffentlichen Mitteln, um in Schutzmaßnahmen zu investieren. Sie sind so bemessen, dass die Halter davon Zäune errichten und Hunde anschaffen könnten. (1063/31.08.17)

Von Reimar Paul (epd)