Kirche
Dagmar Mischke-Schildgen (76) praesentiert das Frauen-Modell eines Talars. (Foto vom 15.03.2018)
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Pionierinnen im Talar
Seit 50 Jahren werden in der braunschweigischen Landeskirche Frauen zu Pastorinnen ordiniert
Braunschweig (epd). Ein neues Gesetz macht den Weg frei: Vor 50 Jahren, am 4. April 1968, werden in der braunschweigischen Landeskirche erstmals Frauen zu Pastorinnen ordiniert. Unter ihnen Gertrud Böttger-Bolte, die im Folgejahr in Schöningen bei Helmstedt als erste Frau der Landeskirche eine Pfarrstelle übernimmt. "Da musste man schon mutig sein", erinnert sich die heute 83-Jährige. Denn auch nach ihrem Amtsamtritt gibt es zunächst anhaltenden Widerstand gegen die Frauen im Talar.

Das Kirchenparlament der braunschweigischen Landeskirche, die Synode, hatte im Januar 1968 nach langen und kontroversen Debatten für die Ordination von Frauen gestimmt - ähnlich wie die benachbarten Kirchen in Hannover und Oldenburg bereits einige Jahre zuvor. Die erste Pastorin Deutschlands wurde bereits 1958 in Lübeck ernannt.

Das sogenannte Pastorinnengesetz der Landeskirche zwischen Wolfsburg und dem Südrand des Harzes ist allerdings zunächst mit Einschränkungen versehen: So wird die Pastorin bei einer Heirat wieder aus ihrem Amt entlassen. Und das Gesetz hat Gegner. Einige Männer sehen in der Amtsübertragung an Frauen eine Anfechtung der heiligen Schrift. Jesus habe schließlich auch das Hirtenamt oder das Heilige Abendmahl ausschließlich Männern anvertraut, heißt es unter anderem. Die damals einzige Frau in der Synode, Hildegard Cunze, hingegen betont die Chance dieser Gesetzgebung: Das althergebrachte patriarchalische Amt sei nicht unbedingt auf die Frau zugeschnitten, räumt sie ein: "Aber mit Phantasie und Tatkraft wird man da vieles neu erobern können."

Böttger-Bolte ist eine der sechs Theologinnen, die zuvor lediglich als Pfarrvikarin beispielsweise in der Krankenhaus- oder Gefängnisseelsorge arbeiten durften. Trotz gleicher Ausbildung war ihnen die "öffentliche Wortverkündigung" oder das Verteilen des Abendmahls untersagt. An einem Donnerstag im April 1968 werden sie schließlich in der Braunschweiger Katharinenkirche ordiniert. "Bereits Ort und Zeit waren ein Kompromiss", sagt die frühere hauptamtliche Frauenbeauftragte Ulrike Block-von Schwartz. Die Ordinationen von Pfarrern fanden bis dahin gewöhnlicherweise an einem Sonntag im Braunschweiger Dom statt.

In ihrer ersten Stelle genießt Pastorin Böttger-Bolte zwar den Rückhalt der Gemeinde, aber längst nicht von allen Kollegen. "Bei Pfarrkonferenzen war nie klar, ob ich unter den Pfarren oder bei den handarbeitenden Pfarrfrauen sitzen sollte." Nach ihrem ersten offiziellen Auftreten erscheinen manche Pfarrer nicht mehr zu den Treffen. Und während der Frau Pastorin zwar Trauungen und Taufen zugetraut werden, ist man bei Beerdigungen eher skeptisch: "Weil Frauen am Grab immer heulen."

Derartige Diskriminierungen hat Dagmar Mischke-Schildgen nicht erlebt. "Vielleicht weil ich an der Seite meines Mannes als Pastorin tätig war", sagte die heute 76-Jährige. Als die Theologin Anfang der 1970er Jahre im Braunschweiger Dom ordiniert wird, ist sie bereits verheiratet und dazu noch hochschwanger. Gemeinsam mit ihrem Mann tritt sie eine Pfarrstelle in Salzgitter an. "Überall wo wir hinkamen, waren wir die ersten dieser Art."

Um möglichst wenig aufzufallen, verzichtet die Pastorin zunächst auf ihren auffallenden Schmuck und lässt sich einen schlichten Pagenkopf schneiden. Vorbilder gibt es kaum in ihrem Beruf. Lange Zeit sucht sie nach ihrer Rolle, schaut etwa eine Fernsehserie mit einer Pfarrerin, um zu beobachten, wie sich eine Frau im Talar bewegt. In den 1990er Jahren entwirft eine Designerin Kleidungsstücke für Pastorinnen. Seitdem trägt Mischke-Schildgen einen Talar mit rotem Samtkragen, mit dem sie ohne die oft hinderlichen "Fledermausärmel" beispielsweise beim Abendmahl hantieren kann.

"Haltet Euch an die Männer" hat eine Mitstudierende ihr mit auf den Weg gegeben und damit gemeint, sich nicht mit weniger zufrieden zu geben. Und so sucht Mischke-Schildgen mit weiteren Frauen selbstbewusst den Widerstand, als sich noch Ende der 1980er Jahre ein angehender Pfarrer weigert, gemeinsam mit einer Frau ordiniert zu werden, und schließlich einen eigenen Termin bekommt. Der Fall sorgt bundesweit für Schlagzeilen. Die engagierten Frauen erreichen schließlich, dass inzwischen jeder Anwärter für ein Pastorenamt in der Landeskirche die Frauenordination schriftlich anerkennen muss.

Der Anteil der Pastorinnen in der Landeskirche ist seit der Einführung der Frauenordination stetig angestiegen. Mehr als ein Drittel der insgesamt 261 Pfarrpersonen sind weiblich. Vier von insgesamt zwölf Propst-Stellen sind in weiblicher Hand, ebenso wie die Stelle der Dompredigerin in Braunschweig. Heute sei die Ordination von Frauen selbstverständlich, so dass keiner mehr darüber nachdenke, was dies in einer "zutiefst patriarchal geprägten Kultur" bedeutet habe, sagt Landesbischof Christoph Meyns. "Das war noch mal eine ganz eigene Revolution." (7034/27.03.2018)

Von Charlotte Morgenthal (epd)