Umwelt
Otte-Kinast will Abschuss von Wölfen ermöglichen
Grüne werfen Ministerin Populismus vor - Wolfsbüro verweist auf hohen Schutzstatus
Hannover (epd). Im Streit um die Ausbreitung von Wölfen in Niedersachsen wird der Ton schärfer. Während Agrarministerin Barbara Otte-Kinast (CDU) die Zahl der Raubtiere begrenzen und ihren Abschuss ermöglichen will, verweist das Wolfsbüro des Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz auf ihren besonders hohen Schutzstatus. Die Grünen warfen Otte-Kinast Populismus vor.

"Ich bin gegen die Ausbreitung des Wolfes, weil es die Nutztierhalter einschränkt", sagte Otte-Kinast der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung" (Montag). "Wir können dem Wolf nur eine Grenze zeigen, wenn wir auch mal einen entnehmen." Die Anzahl der Wölfe sei groß genug dafür.

Otte-Kinast warnte vor den Auswirkungen auf Landwirtschaft und Tourismus, wenn die Wolfspopulation weiter wachse. "Nutztierhalter leiden wirklich unter der Ausbreitung des Wolfes", sagte sie. So könne das Land den Schutz der von Wanderschäfern und Deichschäfereien gehaltenen Bestände nicht gewährleisten. Die Ministerin beklagte zudem, dass sich vor allem in der Lüneburger Heide viele touristische Betriebe wie Hofcafés oder Reiter-Pensionen durch die Ausbreitung des Wolfes eingeschränkt fühlten. Nach Angaben der Zeitung hat der Tourismusverband Lüneburger Heide allerdings erklärt, dass es bisher keine Auswirkungen gebe. Die Übernachtungszahlen stiegen weiter.

Bettina Dörr vom Wolfsbüro des Landesbetriebs wies auf epd-Anfrage darauf hin, dass Wölfe "dreifach geschützt" seien. Auf internationaler Ebene gebe es einen Schutz durch das Washingtoner Artenschutzabkommen und die Berner Konvention. Deutschland habe beide Abkommen ratifiziert, so dass diese völkerrechtlich verbindlich seien. Als EU-Mitgliedsstaat verpflichte sich die Bundesrepublik zudem, die sogenannte Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie umzusetzen, sagte Dörr am Montag. Der Wolf sei über einen Anhang dieser Richtlinie besonders geschützt: "Deutschland ist dadurch verpflichtet, dafür Sorge zu tragen, dass Wölfe langfristig einen lebensfähigen Bestand aufbauen können."

Schließlich seien Wölfe im gesamten Bundesgebiet auch über das Bundesnaturschutzgesetz streng geschützt. Bei Verstößen werde per Anzeige die zuständige Staatsanwaltschaft tätig. "Je nach Vergehen sind Strafen von bis zu fünf Jahren Freiheitsentzug oder hohe Geldbußen möglich", sagte Dörr. Mit Ausnahme von Sachsen unterlägen Wölfe nicht dem Jagdrecht. In Sachsen seien sie jedoch mit einer ganzjährigen Schonzeit belegt.

Der Grünen-Landtagsabgeordnete Christian Meyer bezeichnete die Rückkehr des Wolfes nach Niedersachsen als "Erfolgsgeschichte". Sie werde von der übergroßen Mehrheit der Bevölkerung begrüßt. Mit ihrer Forderung nach willkürlichen Abschüssen wildere Otte-Kinast im fremden Revier von Umweltminister Olaf Lies (SPD). Lies hatte erst kürzlich erklärt: "Es macht zurzeit keinen Sinn, den Wolf ins Jagdrecht aufzunehmen, weil der Wolf streng geschützt ist und dann eine ganzjährige Schonzeit hätte."

Otte-Kinast ignoriere das geltende Naturschutzrecht und billige Straftaten wie das Wildern von Wölfen, sagte Meyer, der in der rot-grünen Vorgängerregierung Landwirtschaftsminister und damit Amtsvorgänger von Otte-Kinast war: "Die Agrarministerin sollte endlich abrüsten und sich stattdessen beim Umweltminister für einen wirksamen Herdenschutz auch in den Deichregionen einsetzen."

In Niedersachsen leben derzeit mindestens 15 Wolfsrudel in freier Wildbahn. Die Zahl der Tiere schätzen Experten auf bis zu 150. Allerdings wurden landesweit in diesem Jahr bereits 13 Wölfe bei Verkehrsunfällen getötet.

2016 wurde im Heidekreis erstmals ein Wolf auf Weisung des damaligen Landesumweltministers Stefan Wenzel (Grüne) legal erschossen. Das in vielen Medien "Kurti" genannte Tier war durch wenig scheues Verhalten aufgefallen und hatte unter anderem einen Hund angegriffen. Wenzel berief sich damals auf das Wolfskonzept des Bundeslandes. Danach können Wölfe im Einzelfall auch getötet werden, wenn eine konkrete Gefahr von ihnen ausgeht. (4227/14.05.18)