Kultur
Mehr als 700 Senioren wollen für Studie Klavierspielen lernen
Hannover, Genf (epd). Welchen Einfluss nimmt Musik auf das Altern mit gesundem Verstand und wachem Geist? Dieser Frage wollen Forscher in Hannover und Genf mit einer nach ihren Angaben weltweit einzigartigen Studie auf den Grund gehen. Das Anliegen habe offenbar einen Nerv getroffen, sagte Studienleiter Eckart Altenmüller dem epd. Seit dem 28. Dezember hätten sich rund 700 Interessenten beworben. Insgesamt 100 Senioren zwischen 64 und 76 Jahren würden ausgewählt, um zwölf Monate lang Musikunterricht zu erhalten und dessen Wirkung auf das Gehirn zu untersuchen, erläuterte der Direktor des Instituts für Musikphysiologie und Musiker-Medizin in Hannover.

Die Themen "lebenslanges Lernen" und "gutes Altern" würden in der Gesellschaft immer wichtiger, betonte er. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft fördert das Vorhaben für zunächst drei Jahre mit rund 427.000 Euro.

Das Besondere ist Altenmüller zufolge, dass die Hirnstruktur der Probanden mittels Magnetresonanztomographie vor und nach der Studie gemessen wird. Dabei gehe es insbesondere um den Hippocampus - die Region im Gehirn, die für Gedächtnis, Aufmerksamkeit und Emotionen zuständig ist. "Wir erwarten, dass der Hippocampus durch den Musikunterricht etwa um ein Drittel wachsen wird", erläuterte der Neurologe und Musiker. Dies wiederum sorge für eine verbesserte Gedächtnisleistung sowie bessere Stimmung.

Die Bewerbungen seien sehr bewegend, berichtete der Studienleiter. Viele Interessenten hätten in der Nachkriegszeit nie die Möglichkeit gehabt, ein Instrument zu lernen, etwa weil sie auf der Flucht gewesen seien. Eine endgültige Auswahl der Teilnehmer wird Altenmüller zufolge im Mai stattfinden, im September soll die Studie starten. Die Teilnehmer erhalten entweder Klavierunterricht oder eine theoretische Ausbildung in Musikgeschichte. Die wöchentlichen Unterrichtseinheiten finden in Gruppen statt und sind für die Studienteilnehmer kostenfrei. Auch ein Klavier bekommen die Senioren zur Verfügung gestellt.

Die Studie soll gleichzeitig auf den generellen Nutzen der Musikerziehung hinweisen, betonte Altenmüller. Der musikalische Unterricht werde in Kitas und Grundschulen seit Jahren gekürzt. "Dabei ist Musik als Teil unserer Persönlichkeit wichtig, das muss gefördert werden." Dem Neurologen zufolge hat sich Deutschland als Industrienation in den vergangenen Jahren zu einseitig auf naturwissenschaftliche Fächer konzentriert. Dabei aktiviere Musikmachen die rechte Gehirnhälfte, die für bessere Assoziationskraft und höhere Kreativität sorge. "Wenn wir das schon bei älteren Menschen zeigen können, wollen wir es auf die gesamte Musikerziehung übertragen." (8033/08.01.18)