Ethik
Michael Krebs von der juedisch-bucharischen Gemeinschaft zeigt am 31.07.17 die bucharische Synagoge in Hannover.
© epd-NDS / epd-bild/Lilian Gutowski
Lilien und Lapislazuli
Das jüdisch-bucharische Zentrum in Hannover feiert sein 15-jähriges Bestehen
Hannover (epd). Den eigenen Glauben frei praktizieren: Für Ruben Motaev (47) und seine jüdische Familie war das lange Zeit ein Traum. Im ehemals sozialistischen und mehrheitlich islamischen Zentralasien bestimmten Drohungen und Verbote das Leben der kleinen jüdisch-bucharischen Gemeinschaft. Heute steht Motaev in der bucharischen Synagoge in Hannover und strahlt: "Sie hat uns unsere Identität wiedergegeben." Seit 21 Jahren leben er und viele andere bucharische Juden aus Usbekistan, Tadschikistan oder Kirgistan in Deutschland. Am Dienstag (8. August) haben sie Grund zum Feiern: Dann wird Deutschlands einziges "Jüdisch-Bucharisch-Sefardisches Zentrum" in Hannover 15 Jahre alt.

Zu einem Festakt haben sich prominente jüdische Repräsentanten angesagt, darunter Vizepräsident Abraham Lehrer vom Zentralrat der Juden und der Vorsitzende des jüdischen Landesverbandes von Niedersachsen, Michael Fürst. Mit rund 360 Mitgliedern und 60 Familien ist Hannover die größte jüdisch-bucharische Gemeinschaft in Deutschland - mit bundesweiter Ausstrahlung. Für ihren Sprecher Michael Krebs (71) kein Zufall: "Wir haben nicht nur ein bucharisches Zentrum, sondern auch eine Synagoge erbaut. Das ist ein Novum, das auch internationale Gemeinden in Staunen versetzt."

Mehr als 230 bucharische Familien mit insgesamt 1.400 Angehörigen leben inzwischen in Deutschland. "Die Bucharier sind eigentlich keine Gemeinde, sondern eine Gemeinschaft großer Familienclans", erläutert Krebs. Er selbst stammt aus Deutschland, hat sich aber den Buchariern angeschlossen, weil ihn ihr jüdisches Gemeinschaftsgefühl fasziniert. Weltweit gibt es rund 600.000 Bucharier, mit Zentren in Tel Aviv, New York und Wien.

Benannt sind sie nach der Stadt Buchara in Usbekistan. In den 1990er Jahren zogen sie aus dieser Region fort nach Europa, Israel oder die USA. Ihre Geschichte ist uralt. "Wir haben hier einen Rückblick in das archaische Judentum von vor 2.500 Jahren", sagt Krebs. Über viele Generationen haben die Bucharier ihre traditionelle orientalisch-jüdische Kultur bewahrt - bis heute. Und aus persischen, hebräischen und tadschikischen Versatzstücken schufen sie - wie das Jiddische in Europa - eine eigene Sprache, "Buchor" genannt.

Schon 2002 gründeten die Bucharier in Hannover ihr erstes, damals noch recht kleines Zentrum. 2011 folgte dann der große Wurf: Die Gemeinde kaufte die frühere evangelische Maria-Magdalenen-Kirche in Hannover und ließ sie bis 2013 aufwendig zur Synagoge umbauen. Vorbild war die erste sefardisch-orientalische Synagoge im tunesischen Djerba.

Entstanden ist ein kleines Schmuckstück: Die Wände strahlen in Lapislazuli-Blau. Lilien als Zeichen der Schönheit schmücken die Emporen. Eine goldene Kuppel symbolisiert die Haube der Thorarolle mit den fünf Büchern Mose.

Und das Gemeindeleben floriert: Von einer "Sonntagsschule" bis zu Theatergruppen und einem Jugendzentrum reicht das Angebot. Viele Familien treffen sich in dem neuen Zentrum an Feiertagen zum Beten und zum Essen. Seit zwei Jahren gibt es auch einen eigenen Rabbiner. "Wir sind eine starke, junge Gemeinde geworden, die füreinander einsteht", sagt Krebs.

In der Nachbarschaft der Bucharier bieten türkische Imbissbuden Döner an, und Deutsche trinken ihr Feierabendbier. Anfeindungen habe er hier noch nie erlebt, erzählt Ruben Motaev, der als selbstständiger Mobilfunk-Unternehmer arbeitet. "Hannover ist einfach eine tolle Stadt, in der es sich gut leben lässt." (4047/04.08.17)

Von Lilian Gutowski (epd)