Ethik
Islam-Experte: Kopftuchverbot für Kinder löst das Problem nicht
Osnabrück, Düsseldorf (epd). Ein Kopftuchverbot für muslimische Mädchen unter 14 Jahren ist nach Ansicht des Osnabrücker Islam-Experten Rauf Ceylan kaum geeignet, das durchaus existierende Problem kopftuchtragender Kinder aus der Welt zu schaffen. "Eigentlich wären Pädagogen gefragt, dieses Thema in den Schulen anzusprechen und Aufklärungsarbeit zu leisten", sagte Ceylan am Montag dem epd. Mit einem Verbot wäre seiner Ansicht nach nichts gewonnen. Darüber hinaus sei unklar, ob ein Verbot überhaupt juristisch möglich sei.

"Es ist ein zahlenmäßig eher kleines Problem", betonte der stellvertretende Direktor des Instituts für Islamische Theologie der Universität Osnabrück. "Aber es gibt junge Mädchen, die von ihren Eltern angehalten werden, ein Kopftuch zu tragen. Und das ist nicht okay." Hintergrund sei häufig der Schulwechsel von der Grundschule in die weiterführenden Schulen.

Das Kopftuch sollte reifen, erwachsenen Frauen vorbehalten bleiben, die sich freiwillig dafür entschieden, sagte Ceylan. "Sie tun das, weil sie ihre Haare als ein Geschlechtsmerkmal betrachten, das sie bedecken möchten."

Dagegen verpflichteten sehr konservative Familien ihre Töchter bereits im Alter von etwa elf Jahren, ein Kopftuch zu tragen, erläuterte Ceylan. Die neuen Mitschüler sollten die jungen Mädchen gleich mit Kopftuch kennenlernen. Die Eltern fürchteten, dass die Töchter sich später weigern könnten, ein Kopftuch zu tragen. "Damit sexualisieren sie ihre Töchter jedoch zugleich. Und das ist pädagogisch nicht sinnvoll. Für die Kinder bedeutet das oft eine große Last."

Die seit einigen Tagen geführte Debatte um das Kopftuchverbot für Kinder betrachtet der Religionssoziologe als populistisch motiviert. Vor dem Hintergrund erneut wachsender Islamfeindlichkeit sei sie gefährlich. "Gerade sind muslimische Einrichtungen wieder vermehrt Ziel von Angriffen und Anschlägen. Da verschärfen solche Forderungen die Situation nur unnötig."

Ausgangspunkt für die Debatte ist eine Ankündigung des österreichischen Bundeskanzlers Sebastian Kurz, ein Kopftuchverbot für Kinder in Grundschulen und Kindergärten zu erlassen. Der nordrhein-westfälische Integrationsminister Joachim Stamp (FDP) sagte anschließend der "Bild"-Zeitung, er erwäge ein Kopftuchverbot für Mädchen unter 14 Jahren. Religionsunmündige Kinder dürften nicht dazu gedrängt werden, ein solches Kleidungsstück zu tragen.

Lehrerverbände sprachen sich wie auch die Islam-Experten Ahmad Mansour und Seyran Ates für ein Verbot aus. Der Islamrat kritisierte das Vorhaben und nannte die Debatte "populistisch, symbolgeladen und inhaltsleer". Von Bildungspolitikern der CDU und der Linken kam ebenfalls Kritik an der Forderung. (9138/09.04.18)

epd-Gespräch: Martina Schwager