Kultur
Die Organisatorinnen des Literaturpreis "Buxtehuder Bulle", Marlene Kewitsch und Carolin Ackermann (v.li.), stehen am 27.06.2017 in der Stadtbibliothek Buxtehude hinter den Buechern der diesjaehrigen Finalrunde.
© epd-bild / Dieter Sell
Gefühlswaschmaschine im Schleudergang
Beim Literaturpreis "Buxtehuder Bulle" entscheiden Jugendliche und Erwachsene gemeinsam
Buxtehude, Kr. Stade (epd). Im Urlaub am Strand, auf dem Balkon, im Bett sowieso - es gibt eigentlich keinen Ort, an dem sich Marlene Kewitsch nicht in ein gutes Buch versenken kann. Und wenn sie dabei ist, liest sie auch schnell. "Aber nicht quer, ich könnte ja was verpassen", sagt die 16-Jährige. Beste Voraussetzungen also, beim "Buxtehuder Bullen" mitzumachen. Die Auszeichnung gehört zu den ältesten und wichtigsten deutschen Jugendliteraturpreisen. Der Weg zum Sieger ist bundesweit einzigartig: Elf Jugendliche und elf Erwachsene aus ganz Deutschland bilden eine Laien-Jury, die jedes Jahr im Losverfahren neu zusammengesetzt wird.

Damit ist der mit 5.000 Euro und einer Plastik dotierte "Bulle" der einzige Jugendliteraturpreis, über dessen Vergabe seit 1971 Jugendliche und Erwachsene gleichberechtigt entscheiden. Anders ist es beispielsweise als beim Deutschen Jugendliteraturpreis, der von erwachsenen Experten vergeben wird. Parallel verleiht eine unabhängige Jugendjury dort einen Extra-Preis.

"In Buxtehude werden Jugendromane deutschsprachiger Autoren genauso wie fremdsprachige Titel gewürdigt, die ins Deutsche übersetzt wurden", erläutert Organisatorin Ulrike Mensching. Am 31. August ist es wieder so weit. Dann ist auch Marlene Kewitsch dabei, wenn sich die Jury abends in einer öffentlichen Sitzung trifft, um ihre Entscheidung zu treffen. Dabei gibt jeder sein Votum anonym ab. Eine Diskussion gibt es nicht.

"Zuerst standen 90 Titel zur Wahl, in der Finalrunde sind es fünf", listet Mensching auf. In den zurückliegenden Jahren setzten Jugendliche und Erwachsene manchmal einmütig Titel auf den ersten Platz - wie etwa 2015 "28 Tage lang" von David Safier, ein Buch über den Widerstand im Warschauer Ghetto. Manchmal entscheiden sie auch ganz unterschiedlich. So war es vergangenes Jahr, als "Die Rote Königin" der US-amerikanischen Autorin Victoria Aveyard ausgezeichnet wurde. "Die Gründe bleiben unklar, denn die Entscheidung läuft ja anonym", sagt Mensching.

"In diesem Jahr haben wir eine sehr emotionale Runde", erklärt die Organisatorin. "Sie spiegelt in ihrer Vielseitigkeit sehr anschaulich die Gefühlswaschmaschine der Jugendlichen." Da kann Marlene mitreden. Ihr derzeitiges Lieblingsbuch befindet sich unter den Finaltiteln. Welches das ist, darf sie natürlich nicht verraten. Früher sei für sie ein Happy End Voraussetzung für ein gutes Buch gewesen, erzählt sie. "Das hat sich geändert. Heute sollte es spannend sein, einen tollen Protagonisten haben, zum Mitdenken und Miträtseln anregen."

In der Jury spiegelt sich auch ein Trend, der in den vergangenen Jahren wichtiger geworden ist: Längst werden gute Jugendbücher nicht nur von Teenagern gelesen, sondern auch von einer wachsenden Zahl Erwachsener. Der "Bulle" habe ihr schon viele Anregungen für neuen Lesestoff geliefert, sagt Carolin Ackermann (30), die in diesem Jahr aufseiten der Erwachsenen in der Preisjury sitzt.

Wenn Bücher Altersgrenzen überschreiten, sprechen Experten von "Cross-over"- oder "All-Age"-Literatur. "Typische Beispiele sind Joanne K. Rowlings Harry-Potter-Romane, Cornelia Funkes Tintenwelt-Trilogie und Suzanne Collins' Tribute von Panem", schreibt Übersetzerin Agnes Blümer auf dem wissenschaftlichen Internetportal für Kinder- und Jugendmedien der Universität Bremen. Bücher dieses Genres, da sind sich die Kenner einig, haben bei wachsendem Marktanteil in den zurückliegenden Jahren eine neue Leselust entfacht.

Das allerdings war bei Marlene Kewitsch gar nicht nötig. Früher sei ihr viel vorgelesen worden: Märchen aus 1001 Nacht, Pferdegeschichten, Neues von Findus oder Conny. "Später war ich viel in der Bibliothek", erinnert sie sich.

Auch im Elternhaus des Lehrerkindes Carolin Ackermann haben Bücher schon immer eine große Rolle gespielt. "Ich fand es schön, mich mit einem Buch in meine eigene kleine Welt zurückzuziehen." Das gelingt der berufstätigen Mutter eines Zweijährigen heute immer noch - in der Badewanne ebenso wie in der S-Bahn auf dem Weg zur Arbeit. "Da kann ich den Lärm um mich herum komplett ausblenden."

Wer in der Jury mitmachen will, muss beim Lesen Ausdauer beweisen und Dutzende Bücher bewerten. Trotzdem kann sich Organisatorin Mensching nicht über mangelndes Interesse beklagen: Für die Jury der laufenden Runde habe es 100 Bewerbungen gegeben.

Marlene ist gespannt, ob ihr persönlicher Favorit bei der Punkteverteilung am Ende ganz oben stehen wird. Aber in erster Linie liest sie für sich selbst, wie sie sagt: als Ruhepol nach Schule, Ukulele, Klavier, DLRG oder Kellnern. "Das entspannt mich einfach total." Dazu liebt sie das wohlige Gefühl, wenn sie Papier anfasst. Und den Duft von Druckerschwärze. Wirklich gute Voraussetzungen für die "Bullen"-Jury.

epd lnb sel mir

Von Dieter Sell (epd)