Kirche
Unbekannte haben das Hakenkreuz und einen Teil der NS-Inschrift auf der Kirchenglocke der niedersaechsischen evangelischen Kapellengemeinde Schweringen bei Nienburg entfernt (Foto vom 31.03.2018).
© Hannoversche Landeskirche / Lechler/Hannoversche Landeskirche
Gedenkstätten-Leiter verurteilt Beschädigung der Hakenkreuz-Glocke
Theologe Hermelink: Glocken sind auch Erkennungszeichen der Kirche
Schweringen, Celle, Göttingen (epd). Der Leiter der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten, Jens-Christian Wagner, sieht die Entfernung des Hakenkreuzes von der Kirchenglocke in Schweringen bei Nienburg äußerst kritisch. Damit sei ein zeithistorisches Zeugnis zerstört worden, sagte Wagner am Donnerstag dem Evangelischen Pressedienst (epd): "Das ist alles andere als ein angemessener Umgang mit der Geschichte. Ich bin grundsätzlich dagegen, Dokumente des Nationalsozialismus verschwinden zu lassen." Auch der Göttinger Theologieprofessor Jan Hermelink hält es für falsch, dass jemand quasi im Alleingang gehandelt habe.

Unbekannte hatten das Nazi-Symbol in der Woche vor Ostern vermutlich mit einer Flex entfernt. Der Umgang mit der 1934 aufgehängten Glocke sorgt bereits sein Monaten für heftigen Streit in der Kirchengemeinde. Pastor Jann-Axel Hellwege hatte zuletzt eine Entscheidung des Kirchenvorstands angefochten, der die Glocke behalten und weiter nutzen wollte.

Hermelink betonte: "Ohne die Beteiligung von möglichst vielen und ohne eine breite Auseinandersetzung Fakten zu schaffen, halte ich für problematisch." Das Glockengeläut sei auch ein öffentliches Zeichen der Kirche. Darum könne auch nicht allein der Kirchenvorstand über die Zukunft der Glocke mit Hakenkreuz entscheiden. Die ganze Öffentlichkeit eines Ortes sollte einbezogen werden. Allerdings halte er es auch für falsch, an der Glocke festhalten zu wollen, sagte Hermelink. Auch mit dem Gewicht von Traditionen könne dabei nicht mehr argumentiert werden.

"In dem Moment, in dem man weiß, dass Nazisymbole auf der Glocke sind, kann sie eigentlich nicht mehr geläutet werden", erläuterte der Professor für Praktische Theologie. "Denn dann transportiert sie eine Botschaft mit, die nicht mehr Botschaft der Kirche ist." Nach theologischem Verständnis würden Glocken zum Gebet und zum Gottesdienst einladen. "Der Gottesdienst wird öffentlich." Menschen würden aufgefordert mitzubeten, auch wenn sie selbst nicht in die Kirche gingen. Glocken seien auch ein Erkennungszeichen für die Kirche.

Der Historiker Wagner kritisierte auch die Reaktion der hannoverschen Landeskirche auf die Beschädigung der Glocke. Sie hätte die Tat eindeutig verurteilen und umgehend Strafanzeige erstatten sollen. "Immerhin wurde ein historisches Beweismittel für die Nähe von Nationalsozialismus und protestantischer Kirche zerstört." Die Landeskirche will nach eigenen Angaben zunächst prüfen, ob es sich um eine strafbare Sachbeschädigung handele.

Wagners Ansicht nach sollte die Glocke in der Kirche bleiben, sagte der Historiker. Die Glocke könne entweder weiter läuten oder in der Kirche ausgestellt werden. In jedem Fall müsse ihre Geschichte, die mit der Entfernung des Hakenkreuzes eine weitere Facette bekommen habe, ebenfalls dort dokumentiert werden. (5163/05.04.18)