Umwelt
Ein Mutterschaf mit ihren Laemmchen auf dem Hof Krueger (Krüger)-Degener im niedersaechsischem Melle (Foto vom 07.03.2018).
© epd-bild / Uwe Lewandowski
Ganz rein und weiß
Kurz vor Ostern werden auf dem Hof Krüger-Degener die Lämmer geboren
Melle, Kr. Osnabrück (epd). Anne Krügers Arm ist bis über den Ellenbogen im Hinterleib des Mutterschafs verschwunden. "Die Geburt hat eingesetzt, aber es geht nicht voran", sagt die 50-jährige Schäferin. Ein wenig muss sie tasten. Dann zieht sie zuerst zwei dünne weiße Vorderbeine, kurz darauf den schwarzen Kopf und den ganzen Körper hervor. Ganz nass und lockig ist das weiße Fell und nur ein klein wenig blutig. Sanft legt sie den kleinen Bock ins Stroh. Kurz vor Ostern ist in diesem Jahr Lammzeit auf dem Hof Krüger-Degener in Melle bei Osnabrück.

"Bei uns geht es immer ungefähr Anfang März los", erklärt Anne Krüger. Sie betreibt den Hof gemeinsam mit ihrem Mann Jan Degener. "Nach etwa zehn Tagen sind alle Lämmer der insgesamt 80 Mutterschafe geboren." Die meisten bekommen Zwillinge. Die Geburtshelferin muss auch an diesem Tag noch mal ran. Keine 30 Sekunden später erblickt die kleine Schwester das Licht der Welt.

Um Ostern herum werden die Lämmer jedoch nicht nur geboren. Es ist auch noch immer die Hochsaison für den Verkauf von Lammfleisch in Deutschland, sagt Wendelin Schmücker von der Vereinigung Deutscher Landesschafzuchtverbände.

Das hat historische Hintergründe, erläutert der katholische Theologe und Brauchtumsforscher Manfred Becker-Huberti: "Seit dem Auszug aus Ägypten gehört das Verspeisen eines makellosen Lammes zum Ritual des jüdischen Passahfestes." Auch Jesus habe sich bei seinem letzten Mahl an dieses Ritual gehalten.

Später wurde er mit eben diesem Passahlamm gleichgesetzt. "Wie das Passahlamm war Jesus ohne Fehl und Tadel und wurde geopfert", sagt der Professor. Schon Johannes der Täufer habe Jesus als "Lamm Gottes" bezeichnet. "Dieses Lamm ist auch das Bild für die Auferstehung: Eines seiner Beine hält die Auferstehungsfahne."

Den meisten Christen sei dies heute aber gar nicht mehr bewusst, sagt Becker-Huberti. "Für die Mehrheit der Menschen ist ein Lämmchen bloß niedlich." Dennoch habe sich die Tradition gehalten, zu Ostern eines auf den Tisch zu bringen - als Braten oder aus süßem Teig gebacken.

Auch Anne Krüger schlachtet ihre Tiere - kurz bevor sie ein Jahr alt werden. Sie begleitet jedes Lamm selbst zum Schlachter: "Auch ein Schaf, das ich schlachte, liebe ich. Ich bin voller Fürsorge für es da, solange es lebt. Aber ich esse das Fleisch auch richtig gerne", sagt sie ganz entschieden. Das sei Teil des natürlichen Kreislaufs. "In der Natur ist der dezimierende Faktor das Raubtier. Hier sind wir es."

In Deutschland werden nach Angaben der Vereinigung Deutscher Landesschafzuchtverbände rund 1,3 Millionen Schafe gehalten (Stand 2016). Unter den 18.000 Schäfereien sind nur noch knapp 1.000 Haupterwerbsbetriebe. "Die Zahlen gehen seit Jahren zurück", sagt Schmücker.

Die Gründe sind vielfältig. Die Arbeit sei schwer, Nachwuchs kaum zu finden. Die Politik unterstütze die Betriebe nicht genug. Wolle sei nicht mehr gefragt. Aus dem Ausland werde billigeres Lammfleisch importiert, klagt der Sprecher der Berufsschäfer. In Neuseeland oder Großbritannien seien die Bedingungen besser. In Deutschland stünden immer weniger Weideflächen zur Verfügung. Der Wolf verschärfe die Situation zusätzlich. "Denn Schafe sind reine Weidetiere. Stallhaltung rechnet sich nicht."

Anne Krüger begann vor 30 Jahren mit der Zucht ihrer Blackface-Schafe. Damals war sie noch die einzige Schäferin in Deutschland. Und sie war diejenige, die diese robuste Rasse aus dem schottischen Hochland nach Deutschland geholt hat: "Alle Blackface-Schafe, die irgendwo in Deutschland rumlaufen, haben ihren Ursprung hier bei uns in Melle", sagt sie nicht ohne Stolz.

Durch die schwarzen Gesichter mit den weißen Zeichnungen sind sie gut voneinander zu unterscheiden. Zwischenzeitlich hatte Krüger 800 dieser Tiere. Heute sind es nur noch 250. Im Haupterwerb bildet sie mittlerweile Pferde und Hunde aus und trainiert sie. Mit einer eigenen Tiershow tritt sie in ganz Europa auf. Doch von ihren Blackface will sie nicht lassen: "Ich liebe sie, weil sie so mütterlich sind."

Doch manchmal muss der Mütterlichkeit etwas nachgeholfen werden, wie an diesem Morgen. Vor allem die Erstgebärenden brauchen Unterstützung. "Deshalb sind wir in der Lammzeit auch Tag und Nacht im Einsatz. Immer wieder haben wir ein Auge drauf. Ich will kein Lamm und keine Mutter verlieren."

Die beiden Kleinen liegen noch ganz erschöpft und mit wackeligen Köpfen zu Füßen der Mutter. Die Mutter leckt mit schneller Zunge das Fell der Kleinen trocken. "Sind sie nicht niedlich?", sagt die Geburtshelferin. Anne Krüger betrachtet das Mutterglück mit leuchtenden Augen: "Das ist auch nach vielen tausend Geburten immer noch so." (2043/22.03.18)

Von Martina Schwager (epd)