Ethik
Die tuerkische Autorin Asli Erdogan (50) bekommt am Freitag (22.09.17) den Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis der Stadt Osnabrueck (Foto vom 21.09.17 bei der Vorstellung der Preistraeger in Osnabrueck).
© epd-bild / Uwe Lewandowski
Friedenspreisträgerin ruft Türkei zur Freilassung von Journalisten auf
Asli Erdogan: Inhaftierung hat ein Trauma hinterlassen
Osnabrück (epd). Die Erich-Maria-Remarque-Friedenspreisträgerin Asli Erdogan hat die Hoffnung geäußert, dass nach ihr auch anderen Schriftstellern und Journalisten in der Türkei "die Türen geöffnet werden". Sie habe bis zum Schluss nicht gewusst, ob sie tatsächlich zur Verleihung des Preises aus Istanbul würde ausreisen dürfen, sagte Erdogan am Donnerstag in Osnabrück: "Das war in den letzten Tagen ein Wechselbad der Gefühle und ich bin sehr dankbar, dass ich jetzt hier sein kann." Die 50-Jährige wies darauf hin, dass weiterhin mehr als 180 Autoren inhaftiert seien und weitere das Land nicht verlassen dürften.

Asli Erdogan wird an diesem Freitag die mit 25.000 Euro dotierte Auszeichnung für ihr Engagement gegen die Unterdrückung von Minderheiten entgegennehmen. Die Jury würdigt damit vor allem ihre Essaysammlung "Nicht einmal das Schweigen gehört uns noch". Darin beschreibt sie die Grausamkeiten und Erniedrigungen des Regimes von Präsident Recep Tayyip Erdogan nach dem Putschversuch 2016. Asli Erdogan war selbst von August bis Dezember wegen der Mitarbeit für eine pro-kurdische Tageszeitung inhaftiert. Ihr Prozess läuft weiter. Die Staatsanwaltschaft hat lebenslängliche Haft beantragt.

Der Autorin war zunächst die Ausreise nach Deutschland verweigert worden. Nach der Untersuchungshaft hatten die Behörden ihren Reisepass einbehalten. Erst vor zwei Wochen erhielt sie ihn überraschend zurück. Einen Tag zuvor hatten die Jury und der Börsenverein des Deutschen Buchhandels in einem offenen Brief an Präsident Erdogan appelliert, die Preisträgerin ausreisen zu lassen.

Sie sei eigentlich kein politisch denkender Mensch, betonte Erdogan. "Politische Diskussionen langweilen mich. Ich war nie in einer Partei oder habe einer politischen Gruppe angehört." Sie stelle sich konsequent auf die Seite der Opfer, etwa der kurdischen Minderheit, der Armenier oder der Homosexuellen. Die Haft, von der sie nie gewusst habe, wie lange sie dauern würde, habe bei ihr ein Trauma hinterlassen. Und bis heute habe sie noch nicht wieder begonnen mit dem Schreiben begonnen. "Und ich weiß nicht, ob ich aus diesen Erlebnissen je werde Literatur machen können. Ich muss erst einmal ins Leben zurückfinden."

Sie sei auch in den vergangenen Monaten auf Schritt und Tritt beobachtet und abgehört worden. "Ich habe kein Privatleben mehr", sagte die Schriftstellerin. Sie gehe davon aus, dass die türkischen Behörden auch über das informiert würden, was sie in Osnabrück und bei ihren weiteren Aufenthalten in den kommenden Wochen in verschiedenen europäischen Städten sagen und tun werde. "Aber das ist für mich normal. Ich habe mich schon daran gewöhnt. Die Behörden kennen meine Meinung. Sie hat sich in den letzten 20 Jahren nicht geändert. Und ich bereue nichts von dem, was ich geschrieben habe."

Daniel Röder, Mitgründer der Initiative "Pulse of Europe", betonte, es sei wichtig, dass die Mitte der Gesellschaft sich "aus dem Wohnzimmer" bewege und für Europa und seine Werte eintrete. Er wird am Freitag den mit 5.000 Euro dotierten Sonderpreis entgegennehmen. Die Initiative setzt nach den Worten der Jury ein notwendiges Signal für ein freiheitliches Europa.

Der Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis wird alle zwei Jahre in Erinnerung an das pazifistische Engagement des in Osnabrück geborenen Schriftstellers vergeben. Erich Maria Remarque schrieb den Antikriegs-Roman "Im Westen nichts Neues".

epd lnb mas mil