Kultur
Das Bremer Uebersee-Museum hat am Donnerstag (18.05.2017) mit einer besonderen Zeremonie menschliche Gebeine der Maori und der Moriori aus der Sammlung des Hauses an Neuseeland zurueckgegeben
© epd-bild / Alasdair Jardine
Ein Hongi zum Abschied
Bremer Übersee-Museum gibt menschliche Überreste von Maori und Moriori an Neuseeland zurück
Bremen (epd). Ganz entfernt im Obergeschoss des Bremer Übersee-Museums sind Schritte zu hören, begleitet von trompetenartigen Stößen aus dem Putatara, dem pazifischen Schneckenhorn. Mit Gesängen nähert sich eine Delegation des Te Papa Museums aus der neuseeländischen Hauptstadt Wellington. In ihren Armen tragen Männer und Frauen Schachteln mit fünf Schädeln von Maori und Moriori. Nach mehr als 100 Jahren sollen sie und weitere menschliche Überreste der Ureinwohner Neuseelands in einer besonderen Zeremonie aus der Sammlung des Bremer Museums zurückgegeben und in ihre Heimat gebracht werden.

Auf Wunsch der Maori dürfen Medienvertreter in Deutschland erstmals die Rituale verfolgen, mit denen das geschieht. "Wir möchten gerne Verständnis für unsere Gefühl wecken", erläutert nach Ende der Zeremonie am Donnerstagabend Maori Arapata Hakiwai. Er arbeitet im Te Papa Museum, das im Auftrag der neuseeländischen Regierungen Rückführungen dieser Art organisiert - seit 2003 mehr als 400.

In der Kolonialzeit haben viele Museen nicht nur in Europa menschliche Überreste fremder Völker in ihre Sammlungen aufgenommen - einerseits, um sie als exotische Attraktionen auszustellen, andererseits, um sie zu erforschen und zu bewahren. Ähnlich war es im Übersee-Museum. Insgesamt seien menschliche Überreste von bis zu 44 Maori und Moriori nach Bremen gekommen, sagt Direktorin Wiebke Ahrndt.

Was heute ethisch undenkbar ist, war Ende des 19. Jahrhunderts nicht selten: Hugo Schauinsland, Gründungsdirektor des Übersee-Museums, grub auf einem traditionellen Bestattungsplatz an einem Strand der Chatham-Inseln Skelettteile von Moriori aus - und nahm sie mit nach Hause. "Da er den Konflikt fürchtete, unterließ er es zu fragen", blickt Ahrndt zurück. "Er wusste, dass er ein Nein bekommen hätte." Weitere Skelettteile, Maori-Schädel, kauften die Bremer 1906 von einem Händler, einem Schweizer, der in Neuseeland lebte.

So treffen an diesem Nachmittag Experten aus dem Inselstaat und Nachfahren der Ureinwohner mit Bremern im Lichthof des Museums zusammen, um dem Unrecht ein Ende zu setzen. Für die Neuseeländer ist es eine besondere Begegnung, denn sie glauben, dass die Gebeine nach dem Tod beseelt bleiben. Sie verehren sie respektvoll als Ahnen, die in ihrem Alltag gegenwärtig sind. Mit Gebeten und Gesängen treten sie im Verlauf der Zeremonie in ein Zwiegespräch mit den Tupuna, ihren Vorfahren. "Rituale, die den Weg zurück nach Hause bereiten sollen", erläutert später Hakiwai.

Von Vorwürfen ist in seiner Rede nichts zu hören. Im Gegenteil. Er und andere bedanken sich vielfach für die Sorgfalt, mit der die Bremer ihre Vorfahren bewahrt hätten. Am Ende, nach Unterzeichnung der Übergabedokumente, laden sie zum freundschaftlichen Hongi ein, dem traditionellen Nasenkuss der Maori. Dabei werden Stirn und Nase aneinandergedrückt, um Gedanken und Atem zu teilen.

2013 hatte das Te Papa Museum routinemäßig in Bremen angefragt, ob es menschliche Überreste neuseeländischer Ureinwohner in der Sammlung des Übersee-Museums gäbe. Vergangenes Jahr beschloss der Bremer Senat die Rückgabe. Verstorbene und ihre Nachkommen hätten darunter gelitten, dass die Vorfahren an einen fremden und weit entfernten Ort gebracht worden seien, sagt Bremens Bürgermeister Carsten Sieling (SPD). Und fügt hinzu: "Wir haben die Verantwortung, dieses Unrecht nun zu beenden. Wiedergutmachen lässt es sich nicht."

Alle Redner sprechen die Tupuna direkt an, auch Museumsdirektorin Ahrndt. Sie endet mit bewegenden Worten: "In unseren Herzen haben Sie, e nga tupuna (die Maori-Vorfahren), e nga karapuna (die Moriori-Vorfahren), für immer einen Platz gefunden. Deshalb geht uns der Abschied heute sehr nahe. Aber wir sind froh, dass Sie nun nach so langer Zeit nach Hause zurückkehren können. Wir wünschen uns und Ihnen, dass Sie Ihren Frieden in Ihrer Heimat finden und dass sich die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen."

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Von Dieter Sell (epd)