Kirche
Die Leiterin des landeskirchlichen Archivs in Wolfenbuettel, Birgit Hoffmann, haelt am 17.11.17 ein 450-Jahre altes Original der Kirchenordnung zur Gruendung der braunschweigischen Landeskirche in den Haenden.
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Die schnelle Reformation
Die braunschweigische Landeskirche blickt im Jahr 2018 auf ihre 450-jährige Geschichte zurück
Wolfenbüttel, Braunschweig (epd). Mit weißen Stoffhandschuhen blättert Historikerin Birgit Hoffmann durch die vergilbten Seiten. Der Ledereinband ist ein originales Exemplar der braunschweigischen Kirchenordnung aus dem Gründungsjahr 1568. "Die Gründung der braunschweigischen evangelischen Landeskirche war zwar extrem spät", sagt die Leiterin des landeskirchlichen Archivs mit einem Augenzwinkern. "Aber dafür ging dann plötzlich alles ganz schnell." Nur zwei Monate nach seinem Amtsantritt im Jahr 1568 verordnet Julius, Herzog zu Braunschweig-Wolfenbüttel (1528-1589), den Wandel zum evangelischen Glauben, mehr als 20 Jahre nach dem Tod Martin Luthers. Im kommenden Jahr feiert die Landeskirche daher ihr 450-jähriges Bestehen.

Julius habe keine Zeit verloren, sagt die Historikerin. Bereits in der Leichenrede für seinen katholischen Vater, Heinrich den Jüngeren, ließ der Sohn evangelische Elemente einfließen: ein Zeichen, dass sich etwas ändern würde. 40 Jahre davor war zwar die selbstständige Stadt Braunschweig zum "neuen Glauben" übergetreten, aber nicht das gesamte Herzogtum. Die mehr als 400 Seiten umfassende Kirchenordnung ließ der neue Regent innerhalb weniger Wochen zusammenschreiben. Auf dem ledernen Einband erinnert ein eingraviertes Porträt an den Herrscher und Kirchengründer.

In schwarzer Tinte und historischer Schrift sind in dem Buch neben Regeln zur Lehre und zum Aufbau der Kirche, auch Abschnitte zur Finanzierung, zum Sozialwesen oder zu den Schulen abgedruckt. "So war die Kirchenordnung auch eine Landesordnung", sagt Hoffmann. In Helmstedt gründete der kultur- und bildungsbegeisterte Herzog kurze Zeit später auch die erste protestantische Universität im norddeutschen Raum, die bis ins 19. Jahrhundert bestand.

Im Archiv der braunschweigischen Landeskirche ist die Historikerin Hoffmann so etwas wie die Hüterin der jahrhundertealten Kirchengeschichte. In den gekühlten Räumen lagern 4.000 Regalmeter unter anderem von historischen Kirchenbüchern und Chroniken. Ohne die Kirchenbücher sei beispielsweise die Familienforschung heute gar nicht möglich, betont sie.

Die Geschichte der Landeskirche wurde immer wieder auch durch wechselnde Territorien geprägt, sagt die Archivarin. So hatte das Fürstentum im 17. Jahrhundert seine größte Ausdehnung als Gebiete wie Blankenburg im Harz hinzukamen. Bis heute erstreckt sich daher die Fläche der Landeskirche auch über die ehemalige innerdeutsche Grenze hinweg. Während der Teilung war Blankenburg eine kirchliche Enklave in der DDR: "Die Gemeinden konnten erst nach der Wiedervereinigung ihrer ursprünglichen Landeskirche beitreten."

Einschneidend sei auch die Phase gewesen, als die Kirche in der Weimarer Republik endgültig vom Staat getrennt wurde, sagt Hoffmann. Die braunschweigische Landeskirche gab sich im Jahr 1922 ihre erste eigene Verfassung und das Bischofsamt wurde geschaffen. Das Regelwerk ist in weiten Teilen bis heute gültig. Während des Nationalsozialismus habe sich die Kirche wie andere Landeskirchen auch den damaligen Ideologien angepasst und geöffnet.

Rund 400 Jahre nach ihrer Gründung erlebt die Landeskirche im Jahr 1968 eine weitere bedeutende Veränderung: Erstmals dürfen nach vehementen Widerstand aus einigen Pfarrerkreisen in der braunschweigischen Landeskirche auch Frauen das Pfarramt übernehmen.

Derzeit steht die Landeskirche mit ihrem Sitz in Wolfenbüttel aufgrund sinkender Mitgliederzahlen vor erneuten Herausforderungen. Seit Anfang der 1990er Jahre ist die Zahl von 502.000 auf 342.000 zurückgegangen. Auch die Zahl der Gottesdienstbesucher hat sich halbiert, sagte Landesbischof Christoph Meyns. "Wir sind Teil einer gesamtgesellschaftlichen Entwicklung, dass Menschen sich zunehmend aus Bindungen zurückziehen."

Die Kirche dürfe sich aber aufgrund dieser Entwicklung nicht klein kriegen lassen, betont der Bischof. Vielmehr müsse sie auf diese Veränderungen eingehen, wie sie es seit 450 Jahren immer wieder neu getan habe. Sie habe das Bildungswesen oder das Sozialwesen bis ins 20. Jahrhundert verändert. Auch Kirchenarchivarin Hoffmann betont, die Landeskirche habe das Leben der Menschen über Jahrhunderte mitbestimmt. "Bis heute ist sie an entscheidenden Stellen des Lebens für die Menschen da." (8071/28.12.17)

Von Charlotte Morgenthal (epd)