Ethik
Delmenhorster Krankenpfleger soll 106 Menschen getötet haben
Patientenschützer Brysch fordert umfassendes Alarmsystem für alle Krankenhäuser
Oldenburg, Delmenhorst (epd). Der frühere Delmenhorster Krankenpfleger Niels H. soll zwischen 2000 und 2005 insgesamt 106 Menschen getötet haben. Dies stehe nach Abschluss der toxikologischen Untersuchungen fest, teilten Polizei und Staatsanwaltschaft am Donnerstag in Oldenburg mit. Im Klinikum Delmenhorst soll er für 68 Tode verantwortlich sein, im Klinikum Oldenburg für 38 Fälle. Der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, forderte als Konsequenz der neuen Erkenntnisse ein bundesweites Alarmsystem: "Denn Morde wie in Delmenhorst und Oldenburg können überall vorkommen."

Brysch sagte dem epd, es brauche eine konzertierte Aktion von Vertretern der Politik, der Krankenhausverbände, der Ärzteschaft und der Pflege. "Weiterhin fehlen flächendeckende Anstrengungen, um solche Einzeltäter künftig rechtzeitig zu stoppen." Nur in wenigen der bundesweit rund 2.000 Kliniken gebe es anonyme Whistleblower-Systeme, um Auffälligkeiten zu melden und schnell einzugreifen. Ein umfassendes Alarmsystem müsse zudem eine lückenlose Kontrolle der Medikamentenausgabe auch in Pflegeheimen, eine intelligente Sterbestatistik für jede Abteilung und amtsärztliche Leichenschauen umfassen.

Der heute 40-jährige Niels H. wurde bereits für sechs Taten verurteilt und verbüßt eine lebenslange Haftstrafe. Wegen der festgestellten Schwere seiner Taten, darf er nicht nach 15 Jahren entlassen werden. Für die nun nachgewiesenen Todesfälle soll H. Anfang kommenden Jahres angeklagt werden.

H. hatte Patienten zunächst in einer Oldenburger, dann in einer Delmenhorster Klinik Medikamente gespritzt, die ein Herzversagen oder einen Kreislaufkollaps auslösten. Anschließend reanimierte er seine Opfer, um als Held zu erscheinen. Dabei benutzte er den Angaben zufolge hauptsächlich die Medikamente Ajmalin und Lidocain, die bei Herzrhythmusstörungen eingesetzt werden.

Die Behörden hatten bei ihren Ermittlungen auf 67 Friedhöfen in der Region insgesamt 134 Leichen exhumiert, um Beweise zu sichern. In der Türkei liefen außerdem noch Rechtshilfeersuchen, hieß es. Einige weitere mögliche Opfer seien dort bestattet worden und konnten noch nicht auf Spuren untersucht werden.

Die Exhumierungen seien eine große Belastung für die Beamten gewesen, sagte der Oldenburger Polizeipräsident, Johann Kühme, dem epd. Er dankte insbesondere den Pastorinnen und Pastoren, die auf den Friedhöfen bei den Exhumierungen als Ansprechpartner für die Beamten und Hinterbliebenen zur Verfügung standen.

Im August hatten Polizei und Staatsanwaltschaft zuletzt über die Ermittlungen berichtet. Dabei gingen sie noch von bis zu 90 Todesfällen aus. Mehr als 130 weitere Verdachtsfälle können nicht weiter verfolgt werden, weil die mutmaßlichen Opfer mit einer Feuerbestattung beigesetzt wurden. Darum werde es ungewiss bleiben, ob und wie viele weitere Opfer von H. tatsächlich getötet wurden. "Die Ermittlungen sprengen jede Vorstellungskraft und haben mich entsetzt", sagte Kühme.

Der Leiter der Sonderkommission "Kardio", Arne Schmidt, hatte im August die damaligen Klinikleitungen für die Todesfälle mit verantwortlich gemacht: In beiden Kliniken habe es frühzeitig zahlreiche Hinweise gegeben, die eine polizeiliche Ermittlung gerechtfertigt hätten. Allein aufgrund der Aktenlage wäre ein schwerer Verdacht auf H. gefallen, der ihn vermutlich auch überführt hätte. Schmidt kündigte Anklagen gegen frühere Mitarbeitende in den Kliniken an. (9167/09.11.17)