Ethik
Tilman Zülch, Begründer der „Gesellschaft für bedrohte Völker“ aus Göttingen am 10.07.2009 bei einer Demonstration in Berlin.
© epd-bild / Gesellschaft für bedrohte Völker
Anerkannt, aber nicht unumstritten
Tilman Zülch gibt nach 50 Jahren die Leitung der Gesellschaft für bedrohte Völker ab
Göttingen (epd). Tilman Zülch ist einer der anerkanntesten Menschenrechtler in Deutschland, aber er ist auch umstritten: Nach fast 50 Jahren an der Spitze der Gesellschaft für bedrohte Völker in Göttingen gibt der 77-Jährige sein Amt als deren Generalsekretär auf. Als Berater für Kampagnen will er der Organisation aber eng verbunden bleiben.

Zülch wird in Deutsch-Liebau (Libinau) Sudetenland (Nordmähren) geboren. Als Jugendlicher engagiert er sich in der Bündischen Jugend, als Politik- und Volkswirtschaftsstudent in Hamburg im Sozialdemokratischen Hochschulbund.

Mit einem Kommilitonen gründet Zülch 1968 die "Aktion Biafra-Hilfe", die Kriegsopfer in Nigeria unterstützt. 1970 entsteht daraus die Gesellschaft für bedrohte Völker, die Zülch in den Folgejahren zu einer der größten deutschen Menschenrechtsorganisationen entwickelt. Sie setzt sich immer wieder auch für Volksgruppen ein, "von denen keiner spricht", so der Titel eines der von Zülch herausgegebenen Bücher. Im Fokus stehen etwa Ureinwohner in Amerika und Asien, Sinti und Roma, Kurden, Yeziden und Christen im Nahen Osten.

1980 ist Zülch Mitgründer der Grünen in Göttingen, er tritt dort ein Jahr später wegen eines vermeintlichen Linkskurses der Partei wieder aus. Von 1985 bis 1989 wird er mit einem DDR-Einreiseverbot belegt. Seine Stasi-Akte betrachtet er als "Anerkennung" seiner Arbeit. Die Gesellschaft für bedrohte Völker will Zülch weder rechts noch links verorten. Dass er sich schon früh für ein Zentrum gegen Vertreibungen engagiert, ruft linke Demonstranten auf den Plan. Ihnen hält Zülch entgegen: "Ihr seid auf einem Auge blind."

Intern beklagen Mitarbeiter und ehrenamtliche Vorstandsmitglieder gelegentlich ein autoritäres Regiment des Generalsekretärs. 2012 eskaliert ein Streit über angeblich nicht belegte Zuweisungen und zu unrecht bezogene Gehälter in Strafanzeigen und dem Ausschluss von zwei Vorständen. "Ein Drittel unserer Arbeitszeit verbringen wir gerade mit einer Art internem Bürgerkrieg", sagt Zülch damals dem Evangelischen Pressedienst. Über Monate kommunizieren er und seine Widersache nur über Anwälte miteinander.

Für sein Engagement erhält Zülch 16 Preise und Auszeichnungen, darunter den Göttinger Friedenspreis, den Europäischen Bürgerrechtspreis der Sinti und Roma und das Bundesverdienstkreuz. 1999 schreibt der Holocaust-Überlebende und Publizist Simon Wiesenthal an Tilman Zülch: "Sie haben eine Organisation mit gegründet und aufgebaut, die allen Menschen, die sich bedroht fühlen, eine Anlaufstelle für Hilfe bedeutet, mag die Bedrohung gegen Einzelpersonen oder Gruppen gerichtet sein." Wiesenthal führt weiter aus: "Sie haben sich für die Rechte so vieler Menschen eingesetzt, dabei den Menschen in den Mittelpunkt Ihrer Bemühungen gestellt - ohne Rücksicht auf persönliche Nachteile und Anfeindungen - und auf diese Weise beispielgebend Großartiges geleistet."

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Von Reimar Paul (epd)