Kultur
Der 90-jaehrige Otto-Ernst Last ist vermutlich Deutschlands aeltester nebenamtlicher Gemeindekantor. Nach 80 Jahren gibt er seinen Platz an der Orgel in der evangelischen Dionysiuskirche im Bremerhaven-Lehe frei.
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80 Jahre lang im Dienst des Herrn
Kirchenmusiker aus Bremerhaven geht mit 90 Jahren in den "Ruhestand"
Bremerhaven (epd). "Im Kirchenvorstand hat keiner gemerkt, dass ich offiziell Rentner geworden bin", sagt Otto-Ernst Last und schmunzelt: "Ich habe einfach weitergemacht." An diesem Sonntag (3. September) wird der Vollblutmusiker nach 80 Jahren an der Orgel in der Bremerhavener evangelisch-lutherischen Dionysiuskirche als nebenamtlicher Kirchenmusiker in den Ruhestand verabschiedet - mit 90 Jahren. Damit ist er vermutlich Deutschland ältester Gemeindeorganist.

Last ist über einige Ecken verwandt mit dem berühmten Bandleader James Last (1929-2015). Und auch er ist bis ins hohe Alter ein leidenschaftlicher Musiker geblieben. "Aber die Gesundheit will nicht mehr so richtig." Das Pedalspiel an der Orgel ist mit Schmerzen verbunden. "Da habe ich gemerkt, es ist Zeit aufzuhören."

Der Vater war Musikdirektor mit einem Examen, das ihm das Spiel an allen Orgeln im Königreich Preußen erlaubte, die Mutter war Sängerin. "Was sollte ich denn da anderes machen?", sagt Last. Schon mit drei Jahren hat er seinem Vater beim Orgelspiel über die Schulter geschaut oder über die Brüstung gelehnt den Gottesdienst von der Orgelempore aus verfolgt.

Mit zehn Jahren durfte er bereits gelegentlich im lutherischen Gottesdienst das Orgelnachspiel übernehmen. Im Gottesdienst der reformierten Gemeinde begleitete er da schon regelmäßig die Psalmen am Harmonium. Bis 1971 teilten sich die lutherische und die reformierte Gemeinde in Bremerhaven-Lehe im wöchentlichen Wechsel die Kirche.

Lebhaft erinnert sich Last an seine Zeit als Jazz-Musiker in der unmittelbaren Nachkriegszeit. Auftritte in Bremerhaven waren verboten, weil die Amerikaner Versammlungen von Deutschen verhindern wollten, erzählt er. "Selbst Kirchenkonzerte mussten genehmigt werden."

Um Geld zu verdienen, spielte der junge Mann nach 1945 mit seiner Big Band im benachbarten Loxstedt. "Da haben wir dann von Samstagabend bis Sonntagmorgen um fünf Uhr rumgejazzt." Anschließend ging es mit dem "Milchkannen-Express" zurück nach Bremerhaven. "Ich musste ja im Gottesdienst orgeln." Um wach zu bleiben hat er immer eine Stecknadel dabei gehabt. "Wenn die Predigt zu ermüdend war, habe ich mir damit ins Bein gestochen, um ja nicht den nächsten Choral zu verschlafen", sagt er, lacht auf und streicht unwillkürlich mit der Hand über den Oberschenkel. Nach dem Gottesdienst wurde kurz gegessen, dann ging es zurück nach Loxstedt - zum Tanztee.

Last studierte, wurde Lehrer, blieb aber der Kirchenmusik treu. Als nebenamtlicher Kantor gründete er zahlreiche Chöre, gab erste Konzerte und legte 1951 seine B-Prüfung in Kirchenmusik ab. Jedes Konzert sei eine neue Herausforderung gewesen. "Es gab ja kaum gedruckte Noten. Ich musste für jeden Chorsänger und jeden Instrumentalisten die Noten von Hand abschreiben." Für die Aufführung des Magnifikats von Carl Philipp Emanuel Bach 1965 ließ der reformierte Pastor der Gemeinde seine Beziehungen in die USA spielen. Tatsächlich erreichte Last etwas später ein dickes Paket aus New York mit gedruckten Noten. "Das war schon etwas ganz Besonderes."

Hunderte Gottesdienste, zahlreiche Konzerte und mehr als 30 Radiogottesdienste für Radio Bremen, den NDR und den Deutschlandfunk hat Last musikalisch gestaltet. Am wichtigsten sei ihm in all den Jahren der Umgang mit den Menschen in Chören und Orchestern gewesen, resümiert er. "Wenn Musik mit Herz und Seele gemacht wird, dann ist sie auch schön." (1067/01.09.17)

Von Jörg Nielsen (epd)