Ethik
Zentralrats-Präsident Schuster: Gedenkkultur muss sich wandeln
Hanau, Berlin (epd). Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, wirbt für einen Wandel der Gedenkkultur. Eine moderne Gedenkkultur müsse auf gesellschaftliche Veränderungen eingehen, sagte Schuster in der "Rabbiner-Brandt-Vorlesung" am 20. November in Hanau laut Redemanuskript. Zu den Veränderungen gehörten das Sterben der Zeitzeugen, der wachsende zeitliche Abstand zum Holocaust, veränderte Konsum- und Mediengewohnheiten, verschiedene Perspektiven in einer Einwanderungsgesellschaft und der politische Rechtsruck in Deutschland.

Die Lebenden seien es den Ermordeten schuldig, die Erinnerung an sie zu bewahren, sagte Schuster. Darüber hinaus hielt er fest: "Das Wissen um die Verbrechen der Schoa und das Gedenken an die Opfer bestärken uns auf einzigartige Weise darin, stets für die Achtung der Menschenwürde einzutreten." Der Zentralrats-Präsident sprach auf Einladung des Deutschen Koordinierungsrates der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit zum Thema "Erinnern ohne Zeugen - über die Zukunft der Gedenkkultur". Im Hinblick auf die Jugend stehe diese jedoch vor Herausforderungen.

Für Jugendliche, die selbst den Mauerfall nur aus Erzählungen kennen, sei der Zweite Weltkrieg gefühlt genauso weit weg wie der Erste, führte Schuster aus. Auch würden junge Menschen, die mit Smartphones aufwachsen, viel stärker von visuellen Eindrücken geleitet und von spärlichen Ruinen einer KZ-Gedenkstätte nicht berührt. Schließlich hätten Schüler aus Einwandererfamilien keinen familiären Bezugspunkt zum Nationalsozialismus und zum Holocaust. Darüber hinaus stellten Vertreter der AfD die Gedenkkultur infrage; Rechtsextremisten machten Juden Vorwürfe, Vorteile aus der NS-Zeit zu ziehen. Gedenken brauche Wissen und Reflexion, hielt Schuster dem entgegen.

Dies betreffe zuerst die Schulen. Dort müsse der Holocaust in unterschiedlichen Schulfächern reflektiert werden. Daneben sei es elementar, über die NS-Zeit hinaus die Vielfalt der jüdischen Geschichte und Kultur und ihren Einfluss auf die Entwicklung der Kultur in Europa aufzuzeigen. "Wenn Juden nur als Opfer dargestellt werden, bekommen wir eine Schieflage", sagte Schuster. Begegnungen mit jüdischen Jugendlichen könnten einen Beitrag leisten - der Zentralrat habe 50 Jugendliche für Besuche in Schulklassen ausgebildet.

Einwandererkinder könnten von Lehrern bei ihren eigenen Erfahrungen als Opfer von Flucht und Verfolgung oder der ihrer Eltern abgeholt werden. Dabei müssten Lehrer aber den jeweiligen Kontext deutlich machen und antisemitischen Vorurteilen entschieden entgegentreten. "Auschwitz als eigene Geschichte zu begreifen - das muss in Deutschland unser Ziel für die nachfolgenden Generationen bleiben", sagte Schuster. Dazu könne auch der Besuch von KZ-Gedenkstätten beitragen, den alle Schüler einmal gemacht haben sollten.

Die Gedenkstätten müssten sich entsprechend ihrer Besucher wandeln, sagte der Zentralrats-Präsident. Das könne mittels Computertechnik und sozialer Internetmedien wie im ehemaligen KZ Dachau oder durch internationale Sommercamps für junge Leute wie im ehemaligen KZ Buchenwald geschehen. Zur zeitgemäßen Gedenkkultur gehöre auch die Begegnung mit der Geschichte im Alltag. Dazu trügen die "Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig, die im Gehweg an vertriebene oder ermordete jüdische Mitbürger erinnern, oder Gedenktafeln an Häusern bei. "Es bleibt immer unser Auftrag, für die Menschenwürde einzutreten und für eine friedliche und tolerante Welt zu kämpfen", schloss Schuster.

epd lmw by wow