Ethik
Studie: Opfer von Straftaten in Ermittlungsverfahren stark belastet
Wiesbaden (epd). Opfer von Straftaten fühlen sich häufig im Ermittlungsverfahren durch Polizei und Staatsanwaltschaft stark belastet. Dies geht aus einer Studie von Wissenschaftlern der Universität Heidelberg im Auftrag der Hilfsorganisation Weißer Ring hervor, die am 5. Juli im Bundeskriminalamt in Wiesbaden vorgestellt wurde. Die von Experten befragten Opfer klagten vor allem über die sehr langen und wiederholten Vernehmungen mit zum Teil immer wieder denselben Fragen. Als noch gravierender gelten Fälle mangelnder Sensibilität von Polizisten und Staatsanwälten bei Sexualdelikten. Manche Opfer von Straftaten fühlten sich auch nicht ernstgenommen, abwertend behandelt, in der Glaubwürdigkeit angezweifelt oder sogar von den Ermittlern angegriffen.

Der Vizepräsident des Bundeskriminalamts, Peter Henzler, begrüßte die Studie, die eine Lücke schließe, weil die Schicksale von Opfern bislang noch wenig erforscht seien. Obwohl der Umgang mit Opfern von Straftaten in die Aus- und Fortbildung einfließe, gebe es dafür kein Patentrezept. "Vielmehr benötigt man ein hohes Maß an Feingefühl und Erfahrung, um auf die individuellen Ängste und Bedürfnisse von Opfern einzugehen", sagte er.

Die an der Studie beteiligten Wissenschaftler unter Leitung der Heidelberger Professoren Dieter Dölling und Harald Dreßing analysierten 178 Strafakten mit 251 Erhebungsbögen, führten 87 ausführliche Interviews mit Opfern und deren Angehörigen, werteten 320 an Opfer gerichtete Fragebögen aus und nahmen an Gruppengesprächen mit Polizisten, Anwälten, Opferhelfern und Therapeuten teil.

Nach Angaben der Wissenschaftler wurden weniger als zwei Prozent der befragten Opfer von einem Rechtsanwalt begleitet, eine Vertrauensperson der Betroffenen war in 8,5 Prozent der Fälle dabei. Mehr als 60 Prozent schätzten ihre Belastung im Ermittlungsverfahren als "sehr stark" ein. Dabei waren Opfer mit sehr langen und häufigen Vernehmungen überdurchschnittlich vertreten. Diese dauerten oft mehr als zwei Stunden, bei mehrfachen Vernehmungen würden die Fragen vielfach als redundant bezeichnet. Und bei der Befragung ausländischer Opfer durch Polizei und Justiz werde häufig das Fehlen eines Dolmetschers bemängelt.

Opfer hätten oft den Eindruck, dass Informationen nur lückenhaft weitergegeben würden, dass die Polizei wegen Personalknappheit wenig Zeit für sie habe, sie sich vor den Ermittlern rechtfertigen müssten, die Privatsphäre zu wenig beachtet werde und sie zu wenig über ihren Schutz und ihre Rechte aufgeklärt würden. Rund 30 Prozent empfänden die Ermittler als unfreundlich.

Roswitha Müller-Piepenkötter, die Kuratoriumsvorsitzende der Stiftung Weißer Ring, forderte als Konsequenz unter anderem eine stärkere Stellung der Opferschutzbeauftragten bei der Polizei, die Einführung eines angemessen bezahlten Fachanwalts für Opferrechte sowie die feste Verankerung der Opferperspektive bei der Aus- und Weiterbildung von Polizei und Justiz. Die beteiligten Professoren plädierten zudem für mehr von den Opfern abzuzeichnende Wortprotokolle oder Video- beziehungsweise Audioaufzeichnungen der Vernehmungen, so dass nicht immer wieder dieselben Fragen gestellt würden.

Der ehemalige BKA-Präsident Jörg Ziercke machte sich die Appelle für mehr Behutsamkeit bei der Befragung von Opfern zueigen. Zugleich nannte er es aber auch unvermeidlich, dass sie oft ein weiteres Mal befragt werden. Die Ermittler befänden sich in einer schwierigen Situation, weil sie bei der Aufklärung von Straftaten nicht vorverurteilen dürften, falsche Anschuldigungen ausmachen und andererseits den Opfern gerecht werden müssten.

Internet: www.weisser-ring.de

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