Ethik
Schrauben zählen war gestern
Auch geistig und seelisch Behinderte setzen auf berufliche Bildung
Baunatal (epd). Jörg Sennewald hat es geschafft. Trotz seiner geistigen Behinderung hat er seit zwei Jahren eine feste Anstellung bei Metzgermeister Uwe Köhler. Hier verpackt er Fleisch, hängt Würste auf, bedient die Spülmaschine und anderes mehr. "Das gefällt mir viel besser als das, was ich früher in der Werkstatt für Behinderte gemacht habe", sagt er und freut sich. Die Kollegen seien allesamt nett und mit dem Chef komme er auch gut klar.

Das sieht Uwe Köhler, der fünf Geschäfte mit 60 Beschäftigten sowie einen Großhandel betreibt, ähnlich. "Menschen wie Jörg Sennewald sind unglaublich dankbar", sagt er. "Die Integration in den Betrieb ist perfekt gelungen." Neben einer gewissenhaften Arbeit, die Sennewald mache, komme hinzu, dass er so gut wie nie krank sei. Die Tatsache, dass es im Kreis seiner eigenen Familie auch Menschen mit Behinderung gebe, habe ihm die Entscheidung erleichtert, Sennewald einzustellen.

Menschen mit geistiger oder seelischer Behinderung, die wie Jörg Sennewald den Sprung in den ersten Arbeitsmarkt schaffen, sind jedoch eher die Ausnahme als die Regel, berichtet Joachim Bertelmann, Leiter der Baunataler Diakonie Kassel (bdks). Das liege weniger an einer fehlenden Qualifikation, sondern an den politischen Rahmenbedingungen, die noch nicht ideal seien. "Wer auf dem ersten Arbeitsmarkt Fuß gefasst hat, für den ist derzeit eine Rückkehr nur mit Nachteilen möglich", sagt Bertelmann. Allerdings seien inzwischen gesetzliche Änderungen für solche Fälle geplant.

Doch der Sprung in den ersten Arbeitsmarkt ist für geistig und seelisch Behinderte auch nicht unbedingt nötig. Inzwischen werden auch diese Menschen, die früher vielen lediglich zum Verpacken und Zählen von Schrauben oder Ähnlichem in Behindertenwerkstätten geeignet schienen, gut qualifiziert. Zwei Jahre könnten die Menschen eine zu ihnen passende Tätigkeit in verschiedenen Berufsfeldern erlernen, sagt Bertelmann. Am Ende dieser Qualifizierung stehe dann ein Zertifikat.

Die Werkstätten der bdks bekämen Aufträge von externen Auftraggebern, die auch Qualität erwarteten. "Wir haben auch schon mal einen Auftrag wegen Qualitätsmängeln verloren", räumt Bertelmann ein. Es sei dann aber gelungen, ihn wiederzubekommen und gute Qualität zu liefern.

Derzeit befänden sich 160 Teilnehmer in neun Betrieben in einer Maßnahme zur beruflichen Bildung, erklärt Denise Nitsche, Leiterin des Geschäftsfeldes Berufliche Bildung und Qualifizierung. Zehn verschiedene Tätigkeitsfelder gibt es, unter anderem Metallverarbeitung, Industriemontage oder auch Möbelmanufaktur. Das Interesse an solchen Maßnahmen in der bdks sei groß.

"Anders als noch vor zehn Jahren orientieren wir uns bei der Qualifizierung viel näher an den Ausbildungsanforderungen des ersten Arbeitsmarktes", sagt Nitsche. Die Beschäftigten würden oft fehlerlos arbeiten, bestätigt auch Bertelmann. Nur ein Manko gebe es: "Unter Druck geht es nicht", sagt er, dann passierten Fehler. Was auch am ersten Arbeitsmarkt nicht ganz unbekannt ist, tritt in diesem Falle deutlich stärker zutage.

Neben dem ersten Arbeitsmarkt und der Arbeit in Werkstätten gibt es bei der Baunataler Diakonie und auch anderswo noch eine Art Mittelweg, den Integrationsbetrieb, erläutert Nitsche. Die Arbeitsanforderungen seien hier zwischen Werkstätten und erstem Arbeitsmarkt anzusiedeln. Bei der bdks arbeiteten rund 200 Behinderte und Nichtbehinderte in solchen Betrieben zusammen.

Für viele körperlich Behinderte sei ein solcher Betrieb eine Möglichkeit, trotz Beeinträchtigung arbeiten und Geld verdienen zu können. Hier, in Gemeinschaft mit anderen Behinderten und Nichtbehinderten, sei für sie ein idealer Platz. Ein besonderes Merkmal eines Integrationsbetriebes sei allerdings, dass die meisten Behinderten, die hier tätig seien, aus dem ersten Arbeitsmarkt kämen, wo sie es nicht geschafft hätten, erklärt Bertelmann.

Die demografische Entwicklung macht auch vor den Werkstätten nicht Halt. Das Durchschnittsalter der Menschen in den Werkstätten liege mittlerweile bei 46 Jahren, sagt Bertelmann. Das sei früher anders gewesen. Das gestiegene Alter zeige sich auch darin, dass die Produktivität abnehme. Umso wichtiger sei eine gute Berufsbildung. "Das hat lange Zeit leider ein Schattendasein geführt", sagt er. "Bildung ist ein lebenslanger Prozess". Auch für Behinderte.

Internet: www.bdks.de

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von Christian Prüfer (epd)