Kultur
"Mich interessiert das Neue, das erst kommt"
Einzelausstellung von Jil Sander ist in Frankfurt zu sehen
Frankfurt a.M. (epd). In weißen Blusen und Rollkragenpullis stolzieren die Models für Jil Sander über den Laufsteg. Musik dröhnt durch den dunklen Raum. Die Videoinstallation zeigt Linda Evangelista im schwarzen Maxikleid auf der Modenschau, der dünne Stoff umweht bei jedem Schritt elegant ihre Beine. Das Topmodel sieht auf der Modenschau noch recht jung aus. Der einzige Hinweis darauf, dass dieses Outfit aus einer Kollektion der 1990er Jahren stammt.

Die weltweit erste Einzelausstellung von Jil Sander im Museum Angewandte Kunst in Frankfurt am Main verzichtet auf eine chronologische Reihenfolge und Jahreszahlen. Bewusst. "Mich interessiert das Neue, das erst kommt", lautet ein Zitat der Modedesignerin, das zu Beginn des Rundgangs auf schlichtem Papier mit Kreppband auf die weiße Wand geklebt ist.

Der Titel der Ausstellung ist Programm: "Jil Sander. Präsens". Im Mittelpunkt steht die Zeitlosigkeit ihres puristischen Stils. In ihrer Modekollektion - und darüber hinaus. Museumsdirektor und Kurator Matthias Wagner K. berichtet, dass es für Jil Sander ungewöhnlich sei, zurückzublicken. "Sie schaut immer nur nach vorne." Deshalb sei die Ausstellung keine Retrospektive aus dem Archiv. Vielmehr sei ein neues, aktuelles Gesamtwerk entstanden.

Auf zwei Etagen bietet das Museum einen Einblick in Themen wie Laufsteg, Modefotografie, Kosmetik und Atelier. Dabei setzt die Ausstellung auf multimediale Installationen. Videosequenzen erlauben zum Beispiel einen Blick in die Backstage: Ein Model bekommt Puder ins Gesicht getupft, künstliche Strähnen ins Haar frisiert. An einem Tablet können sich die Besucher durch Fotos aus den Kollektionen klicken. An den Wänden prangen Fotografien. Dazu schallen Klangkompositionen durch die Räume.

Es gilt: "Viel Werk", sagt der Kurator, aber die Interpretation werde den Besuchern überlassen. Sie müssten selbst entscheiden, ob ein Outfit "typisch 90er" oder immer noch angesagt sei. Minimalistische Schaufensterpuppen sind mit Kleidern dekoriert, alle schwarz und schlicht - egal, ob mit kurzen Ärmeln oder langem Rock. Es lässt sich nur erahnen, ob die Modelle schon älter sind.

Die Frankfurter Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD) sagt, Jil Sander habe das Bild einer modernen Frau geprägt, die in eine neue Zeit aufbricht. "Wohl in kostbaren Materialien, nicht in Dekor." Was ihren Stil ausmache, betont Wagner K, sei die Dreidimensionalität der Schnitte, Eleganz - und besondere Sorgfalt beim Material. "Ihr Purismus veränderte die Vorstellung von Schönheit und Identität", sagt der Kurator.

Die Ausstellung zeigt auf 3.000 Quadratmetern, wie Jil Sanders schlichter Stil nicht nur ihre Mode beeinflusst hat. Typisch für Jil Sander sei, alles selbst zu machen, berichtet Wagner K. Egal ob Modefotografie, Architektur oder Inneneinrichtung ihrer Flagshipstores. "Alles ist von ihr hundertprozentig erfüllt." Die Ausstellung zeigt Entwürfe für ihre Läden, bis hin zur Gestaltung der Treppe.

Ähnlich detailliert gestaltet Jil Sander ihren Garten in Norddeutschland. Skizzen legen exakt fest, welche Rosensorten nebeneinander gehören. Jil Sander arbeite so lange, bis jedes kleinste Detail ausgefeilt sei, sagt Wagner K. Die Designerin kenne keine Müdigkeit. In dunkelblauem Kaschmirpulli ist Jil Sander bis kurz vor der Pressekonferenz mitten drin im Trubel, setzt sich probehalber auf einen Stuhl in der ersten Reihe, zupft die schwarze Decke auf dem Tisch zurecht.

Doch als die Presse in den Saal drängt, verschwindet sie dezent. Mit getönter Sonnenbrille lächelt sie später bei einem Fototermin kurz in die Kameras. Das war‘s. Eineinhalb Jahre habe Jil Sander intensiv an dieser Ausstellung gearbeitet, "Tag und Nacht", berichtet der Direktor. Jetzt trete die Designerin lieber zurück. Für ihn gilt: "Mit der Ausstellung ist für mich ein Traum in Erfüllung gegangen."

Die Ausstellung ist vom 2.11. bis 6.5.18 zu sehen. Öffnungszeiten: Dienstag, Donnerstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr, Mittwoch von 10 bis 20 Uhr. Führungen werden angeboten.

Internet: www.museumangewandtekunst.de

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Von Kathrin Hedtke (epd)