Ethik
Medizinhistoriker: Naturwissenschaften dominieren die Medizin
Gießen (epd). Der Mensch droht in der Medizin verloren zu gehen - diese Gefahr sieht der Gießener Medizinhistoriker Volker Roelcke. Der medizinische Blick werde immer stärker auf den kranken Körper eingeschränkt und die Medizin von den Naturwissenschaften dominiert, sagte Roelcke in einem Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd). "Die Naturwissenschaften haben mittlerweile eine Bedeutung gewonnen, wie sie früher die Religion innehatte." Das letzte Wort zu Fragen von Leben und Tod sei regelmäßig bei den Naturwissenschaften.

Der Mensch mit seiner Kultur und seiner Biografie spiele hingegen kaum eine Rolle. Roelckes Forderung, die er auch in seinem aktuellen Buch "Vom Menschen in der Medizin" vertritt, lautet daher: Auch die Kulturwissenschaften müssen in der medizinischen Forschung und der Ausbildung der Ärzte zu Wort kommen, zum Beispiel die Fächer Geschichtswissenschaften, Ethnologie, Literaturwissenschaften, Kunstgeschichte, Philosophie oder Religionswissenschaften.

Roelcke nannte ein Beispiel, welchen Beitrag etwa die Literaturwissenschaften zum Umgang mit Krankheit leisten können: Im Roman "Buddenbrooks" unterscheidet Thomas Mann zwischen dem "guten Tod" des alten Konsuls, auf den er sich lange vorbereiten konnte, und dem "schlechten Tod" der Konsulin, den Ärzte mit allen Mitteln zu bekämpfen versuchen.

Das Wissen, wie mit kranken Menschen umzugehen sei, könne nicht allein aus den Naturwissenschaften oder aus statistischen Analysen großer Datenmengen kommen, argumentiert Roelcke. Viele Errungenschaften der Medizin entstanden zwar im Labor. "Aber das sollte man nicht überschätzen." Medizinische Erfolge seien oft das Ergebnis von Zufall oder "tastender Bastelei" im Labor. So entdeckte 1928 der schottische Mikrobiologe Alexander Fleming das Penizillin, weil in seinem Londoner Labor zufällig Schimmel in eine Bakterienkultur gefallen war.

Naturwissenschaftliche Erkenntnisse werden Roelcke zufolge oft als "harte Wissenschaft" dargestellt, im Gegensatz zu den "weichen" Einsichten der Kulturwissenschaften. "Wenn man die sogenannten harten Fakten aber nach 20 Jahren anschaut, ist das sehr oft kein hartes Wissen mehr. Die Aussagekraft gerade aktueller Wissensbestände wird sehr oft falsch bewertet."

Vor der Entschlüsselung des menschlichen Genoms verkündeten zum Beispiel prominente Molekularbiologen Mitte der 1990er Jahre, dass es in 20 Jahren für jede Krankheit eine maßgeschneiderte Gentherapie geben werde. Heute existiere jedoch keine einzige, erklärte der Mediziner. "Das genetische Wissen aus dem Labor ist zwar nicht völlig falsch, aber es hat doch nicht die Bedeutung und die Anwendungsmöglichkeiten, die vorausgesagt wurden."

Auch beim Umgang mit Demenz zeige sich die Überbetonung der naturwissenschaftlichen Sichtweise. So eröffnete die Max-Planck-Gesellschaft 2013 in Köln ein Institut zur Erforschung der Biologie des Alterns. Wissenschaftler untersuchen dort, wie Zellen altern und wie die Gene daran beteiligt sind - allerdings im sogenannten Tiermodell an Mäusen, Fruchtfliegen und Fadenwürmern. "Da werden unglaublich viele Gelder gebunden", kritisierte Roelcke. Aber den drängenden Fragen der Betroffenen - etwa Verbesserung der Pflege von alten Menschen, verringerte Belastung der Angehörigen, bessere Gestaltung der Fürsorgesysteme oder angemessene Kommunikation mit Demenzkranken - gingen die Forscher nicht nach.

Dabei nehmen viele Menschen eine Demenz ganz anders wahr: Vergesslichkeit oder Orientierungsschwierigkeiten verstünden sie nicht als Krankheitssymptome, sondern als normale Alterungsprozesse. Man könne eine Demenz nämlich auch "positiv als allmähliche Verlangsamung und Entspannung oder als Entlastung gegen Ende des Lebens" sehen. In die Forschungen müssten daher auch Sozialmedizin und Pflegewissenschaften, Sozialarbeit oder Angehörigen- und Patientenverbände einfließen.

Roelcke forderte ein komplettes Umdenken in der Medizin: In der Ausbildung, im klinischen Alltag und bei der Verteilung von Forschungsgeldern müsse der Mensch als "kulturelles Wesen" in den Mittelpunkt rücken.

Internet: ww.psychosozial-verlag.de

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epd-Gespräch: Stefanie Walter