Kirche
Landesverfassung bleibt ohne Gottesbezug
Kirchen respektieren Entscheidung in Enquetekommission - Dulige: Kein "Casus Belli"
Wiesbaden (epd). "Die Kirchen bedauern sehr, dass der Vorschlag von mir und meinem katholischen Kollegen Wolfgang Pax in der Enquetekommission 'Verfassungskonvent' nicht auf fruchtbaren Boden gefallen ist", sagt der evangelische Beauftragte am Sitz der hessischen Landesregierung, Jörn Dulige. Es habe aber keine parlamentarische Mehrheit für die Änderung der historisch knappen Präambel gegeben, dies müsse respektiert werden. Der Verzicht auf die sogenannte Gottesformel sei für die Kirchen keine Kriegserklärung, kein "Casus Belli".

Um die Verfassung an die Veränderungen der vergangenen Jahrzehnte anzupassen, hatte der Hessische Landtag Ende 2015 die Kommission eingesetzt, der 15 Politiker aller Fraktionen angehören und die am kommenden Montag, 27. November, zum 19. und letzten Mal zusammenkommen will. Dann soll sie ihrem Auftrag gemäß einen konkreten Gesetzentwurf für die zukünftige Gestaltung der Verfassung zu unterbreiten. Außerdem wurde ein Beratergremium mit Vertretern von Vereinen, Verbänden und Kirchen installiert.

Dulige und Pax engagierten sich in dem Beratergremium vor allem für den Gottesbezug. Sie griffen eine Formulierung auf, die der Mainzer Kardinal Karl Lehmann und der damalige EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber bei den Diskussionen um eine europäische Verfassung verwendeten: "In Verantwortung vor Gott und den Menschen sowie in Achtung der Freiheit des Gewissens". Von der CDU kam ein 97 Wörter langer Text mit Bezug zum Allmächtigen, SPD und Grüne reagierten zurückhaltend, FDP und Linke lehnten einen solchen Bezug rundheraus ab.

Da war es auch keine Überraschung, dass bei den Ende Oktober beratenen Konsenspunkten der Kommission für die Verfassungsänderungen jeglicher Gottesbezug fehlt. Das betrachtet Dulige keineswegs als Niederlage, weil der Vorschlag ausdrücklich nur für den Fall einer generellen Überarbeitung der Präambel galt. "Schon die breite Diskussion über die Frage hat sich gelohnt", sagt er.

Der 60-jährige Theologe ist seit 24 Jahren Beauftragter der hessen-nassauischen, der kurhessischen und der rheinischen Landeskirche am Sitz der Landesregierung in Wiesbaden. Sein Rat und seine Stellungnahmen sind bei vielen Themen gefragt, etwa wenn es um Kindergärten, Flüchtlinge oder Religionsunterricht geht. Manchmal kann er sich auch ein wenig als Seelsorger von Kabinettsmitgliedern oder Landtagsabgeordneten fühlen. Viele unterschätzten die Belastungen von Politikern, die sich alle vier oder fünf Jahre erneut zur Wahl stellen und je nach deren Ausgang auch beruflich ganz neu orientieren müssten, erklärt Dulige.

Etwa beim Amtsverlust nach einer Wahlniederlage sei da durchaus auch einmal Zuspruch gefragt. Dass Dulige selbst einen Politiker beerdigt, wie voriges Jahr den langjährigen SPD-Abgeordneten und Rundfunkratskollegen Gert Lütgert, kommt aber selten vor.

Mit seinen drei "Arbeitgebern" verkörpert er in seiner Residenz im ehemaligen Wohnhaus des ersten EKHN-Kirchenpräsidenten und Widerstandskämpfers Martin Niemöller schon seit fast einem Vierteljahrhundert die Zusammenarbeit der evangelischen Kirchen im Lande.

Die enge Kooperation mit seinem katholischen Amtskollegen Pax kennzeichnet auch die Ökumene, die in Hessen besonders gepflegt wird. Nur in diesem Bundesland kommen die Vertreter der beiden großen christlichen Kirchen einmal im Jahr gemeinsam mit dem gesamten Landeskabinett unter Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) zusammen.

Seine Arbeit empfindet Dulige als produktiv und abwechslungsreich zugleich. Kein Wunder, dass er gerade seine nunmehr schon fünfte, auf sechs Jahre begrenzte Amtszeit angetreten hat. Es wird definitiv die letzte als Beauftragter der Kirchen am Sitz der Landesregierung sein, denn mit dann 66 Jahren tritt Dulige 2023 in den Ruhestand.

Sehr wichtig ist dem gebürtigen Bielefelder auch seine Arbeit im Rundfunkrat des Hessischen Rundfunks, dessen Vorsitzender Dulige bis Anfang 2017 sechs Jahre lang war. Jetzt ist er stellvertretender Vorsitzender und auch in anderen Gremien des HR nach wie vor sehr aktiv. Er bemüht sich darum, den Konflikt mit den Zeitungsverlegern über die Internetrechte des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zu entschärfen. Dulige ist überzeugt: "Wenn beide den Streit beilegen, haben sie bessere Chancen gegenüber Konzernen wie Google und Netflix."

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Von Gerhard Kneier (epd)