Ethik
Kardiologe: Mehr Nahtoderfahrungen durch moderne Medizin
Gießen (epd). Aufgrund der verbesserten Medizin gibt es nach Aussage des niederländischen Kardiologen Pim van Lommel eine "wachsende Häufigkeit" von Nahtoderfahrungen. Eine Nahtoderfahrung sei ein "außerordentlicher Bewusstseinszustand" während einer lebensbedrohlichen Krise, etwa Herzstillstand, Schock nach Blutverlust oder Ertrinken, sagte der Wissenschaftler am 4. Mai bei einer Veranstaltung in Gießen. Die Patienten berichteten von "tiefgreifenden Erfahrungen" wie dem Gefühl, eine andere Person zu sein, durch einen Tunnel ins Licht gegangen zu sein, Begegnung mit Verstorbenen oder einer außerkörperlichen Wahrnehmung. Einige Patienten überblickten ihr gesamtes Leben in einem Augenblick.

Der Inhalt einer Nahtoderfahrung sei weltweit ähnlich, "in allen Kulturen und zu allen Zeiten", berichtete van Lommel. Der Kardiologe hat 2001 eine Studie in der medizinischen Fachzeitschrift "The Lancet" veröffentlicht, für die er 344 Patienten mit Herzstillstand untersucht hatte. 18 Prozent berichteten von einer Nahtoderfahrung. Laut van Lommel gibt es zudem zwei britische und eine amerikanische Studie zum Nahtod. Alle vier Studien hätten die etwa gleiche Prozentzahl von Nahtoderfahrungen ergeben.

"Nahezu alle Menschen mit Nahtoderfahrungen verlieren die Angst vor dem Tod", sagte van Lommel. "Man sollte die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass der Tod nur der Übergang von einer Bewusstseinsstufe zur anderen ist." Das habe beispielsweise auch Bedeutung für die Pflege komatöser Patienten. In der medizinischen Welt bestehe jedoch Widerstand gegen die Nahtodforschung.

Es sei wichtig, das Gebiet zu enttabuisieren, sagte der Leiter der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie an der Uniklinik Gießen, Johannes Kruse. Es sei schwer, sich den eigenen Tod vorzustellen. Die Bilder von Nahtoderfahrungen füllten ein Vakuum und könnten die beängstigende Situation "ent-ängstigen". Für die Erklärung der Erfahrungen gebe es unterschiedliche Ansätze. So könnten auch unter Sauerstoffmangel Tunnelphänomene auftreten. Bei schweren Traumatisierungen erlebten sich Menschen auch außerhalb des Körpers. Zu der Veranstaltung "Nahtod-Erfahrungen - Blick ins Jenseits?" hatten die Universität Gießen und die Evangelische Studierendengemeinde eingeladen.

Internet: www.pimvanlommel.nl/home_deutsch

epd lmw was by