Kirche
Jung: Unterschiedliche Positionen sind Stärke des Protestantismus
Darmstadt, Schmitten/Taunus (epd). Der hessen-nassauische Kirchenpräsident Volker Jung hat im 500. Jahr der Reformation dazu aufgerufen, Unterschiede zwischen Konfessionen und Kirchen zu akzeptieren. Es sei eine Stärke des Protestantismus, verschiedene Positionen zu vertreten und nebeneinander stehenzulassen, sagte er am 18. August in Schmitten im Taunus vor mehr als 40 Vertretern aus der internationalen Ökumene. Gleichwohl sei es wichtig, sensibel für Differenzen zu bleiben und zugleich den Respekt für andere Ansichten zu bewahren.

Die Konzentration auf den Glauben an Christus kann nach Ansicht Jungs dazu beitragen, den Wert unterschiedlicher konfessioneller Traditionen zu erkennen. Zugleich könnten die evangelischen Kirchen in ihrer Vielfalt gemeinsam ihren Glauben in der Welt bezeugen und für Frieden, Versöhnung und Gerechtigkeit eintreten. Zudem sollten sie "Augenöffner" füreinander sein, um aus unterschiedlichen gesellschaftlichen und kulturellen Situationen heraus ein besseres Gespür für die Herausforderungen des globalen Zusammenlebens zu entwickeln. Dazu gehöre aus deutscher Sicht, die Erfahrung weiterzugeben, dass die Idee "unsere Nation zuerst" verhängnisvoll sein könne.

Der nordindische evangelische Bischof Pradeep Kumar Samantaroy (Amritsar) betonte bei dem Treffen die spirituelle Dimension internationaler Kirchenpartnerschaften. Für christliche Minderheiten sei es eine große Hilfe, sich einer weltweiten Beziehung verbunden zu fühlen. Dies unterstütze sie dabei, den Glauben vor Ort auch öffentlich leben zu können. Der Kirchenpräsident der protestantischen Herrnhuter Brüdergemeine in Südafrika, Godfrey Cunningham (Kapstadt), bezeichnete die "konkrete wechselseitige Hilfe" und nicht "Konzepte auf Papier" als vordringliches Ziel weltweiter ökumenischer Partnerschaften. Gerade für die Kirchen in vielfach durch korrupte politische Systeme geprägten afrikanischen Staaten sei dies bedeutsam.

Nach Ansicht des leitenden Theologen der US-amerikanischen United Church of Christ (UCC) für den Bereich des Staates New York, David Gaewski, ist es zentral, in einer zerbrechlichen Welt mit Hilfe Gottes die Balance zu halten. Als Beispiel nannte er die aktuelle Situation in den USA. Aufstrebende neonazistische Bewegungen, Hasstiraden und ein Präsident, der sich davon nicht in deutlicher Form distanziert, seien eine große Herausforderung für die Kirche. Gerade in dieser Situation seien internationale ökumenische Beziehungen zum Austausch und zur Stärkung wichtig.

Die Kirchenvertreter diskutierten bis zum 20. August im Martin-Niemöller-Haus in Schmitten-Arnoldshain über die Herausforderungen der Kirchenpartnerschaften. Die Konsultation unter der Leitung des evangelischen Frankfurter Zentrums Oekumene trägt das Martin Luther zugeschriebene Motto "Here I stand, I cannot do otherwise" (Hier stehe ich und kann nicht anders). Das Treffen gilt als die größte internationale ökumenische Zusammenkunft in der hessen-nassauischen Kirche seit 2009.

Neben Samantaroy, Cunningham und Gaewski nehmen daran auch die protestantischen Bischöfe Benson Bagonza und Abednego Keshomshahara aus Tansania sowie Daniel Kayyalakkakathu und Govada Dyvasirvadam aus Indien gemeinsam mit Gästen aus Indonesien, Ghana, Südafrika, Polen, Tschechien, Italien und den USA teil.

Nach einem Festgottesdienst am 20. August in der Bad Homburger Erlöserkirche begaben sich die Ökumevertreter am Nachmittag auf eine Studienreise zu Stätten der Reformation. Sie besuchen unter anderem die Wartburg in Eisenach und das Augustinerkloster in Erfurt, in dem Martin Luther einst Mönch war. Die Reise endet in Wittenberg, wo die Teilnehmenden am 23. und 24. August unter anderem Gäste in der dort zur Weltausstellung der Reformation aufgebauten «LichtKirche» aus Hessen-Nassau sind.

Internet: www.ekhn.de

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