«Genizat Germania» heißt das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte Projekt, das zum Ziel hat, die in ganz Europa verstreuten Handschriftenfragmente zu sammeln, um die «jüdische Bibliothek» des Mittelalters zu rekonstruieren. «Wir wollen das hebräische Puzzle zusammensetzen», sagt der 46-jährige Wissenschaftler. Die Handschriften gäben spannende Einblicke in das alltägliche Leben der Juden in jener Zeit.
Tausende Handschriften hatten mit der Erfindung des Buchdrucks um 1500 ihren Zweck verloren. Oft wurde nur das wertvolle Schreibmaterial Pergament wiederverwendet, indem die Tintenschrift «rasiert» wurde. Oder sie dienten zurechtgeschnitten als Bucheinbände oder Bindematerial für Buchrücken.
Etliche Handschriften wurden auch zerstört, etwa bei judenfeindlichen Angriffen. Mitschuld an der Zerstörung der Handschriften treffe auch die Reformation, sagt Lehnardt. Die Luther-Anhänger lösten vielerorts die Klöster auf, «die Buchbestände wurden in alle Winde zerstreut». Zahlreiche Bibliotheken wurden geplündert und die Schriften ruiniert.
Mit den Handschriftenfragmenten werde nun eine bisher verborgene Wissensquelle über das aschkenasische, das mittel- und osteuropäische Judentum des Mittelalters, erstmals wissenschaftlich erschlossen, sagt Lehnardt. Der Gebrauch von biblischen Schriften, Bibel-Kommentaren, sowie Rechts- und Gebetsbüchern sage viel über Leben und Kultur der jüdischen Gemeinden aus. Mehr als 500 Fragmente - von großformatigen Pergamentbögen bis zu kleinen Schnipseln - haben die Forscher von der Mainzer Johannes Gutenberg-Universität bisher gefunden.
Auch Dokumente wie Kaufverträge oder Hochzeitsurkunden in jüdischer Sprache erzählen, wie die Juden in der christlichen Mehrheitsgesellschaft des Mittelalters lebten. In Gebetsbüchern wird berichtet von Verfolgung und Pogromen, etwa während der Zeit der Kreuzzüge.
Die Funde belegen laut Lehnardt auch, dass die Juden in den rheinischen Städten Speyer, Mainz und Worms - einem geistigen Zentrum des europäischen Judentums - über Jahrhunderte mit traditionellen Texten lebten und arbeiteten. Auch unbekannte hebräische Schriften aus der Spätantike und dem Mittelalter wurden entdeckt, darunter ein Kommentar zum biblischen Buch Esther.
Der Großteil der erhaltenen jüdischer Handschriftenfragmente stamme aus Klosterbeständen, vor allem aus Trier, Mainz und Frankfurt, sagt Lehnardt. Grund hierfür sei auch, dass manche kirchliche Archive im 20. Jahrhundert ihre noch vorhandenen jüdischen Schätze vor dem Zugriff der Nazis bewahrten, die alle Spuren des Judentums in Archiven und Bibliotheken vernichten wollten.
«Heute haben wir nur einen Bruchteil dessen, was es an jüdischen Handschriften gab», bilanziert Armin Schlechter, Leiter der Handschriftenabteilung der Pfälzischen Landesbibliothek in Speyer. Nur drei Fragmente, darunter einen Talmud-Kommentar, kann er vorzeigen. Die meisten Fragmentfunde entstammten christlich-liturgischen Handschriften, etwa veralteten Messbüchern.
Erst die Humanisten des 16. Jahrhunderts hätten ein Bewusstsein für den antiquarischen Wert der alten Handschriften entwickelt, sagt Handschriftenexperte Schlechter. Besonders während des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) seien dennoch viele Handschriften vernichtet worden - auch viele jüdische Gemeinden erloschen in dieser Zeit.
Das Thema jüdische Handschriftenfragmente sei für viele Juden sehr emotional besetzt, weiß Andreas Lehnardt. Bibliotheken und Archive sollten alle Dokumente zurückgeben, die nachweislich geraubt wurden, appelliert er, auch wenn die Fragmente juristisch den jeweiligen Archiven und Bibliotheken gehörten. Vor Rückforderungen von jüdischer Seite müssten diese sich aber nicht fürchten: «Groß ist in Israel vielmehr das Interesse an einer gemeinsamen Aufarbeitung der Geschichte.»

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