Soziales
Gefängnisseelsorge: Jeder zweite Häftling ist drogenabhängig
Hofgeismar (epd). Jeder zweite Inhaftierte in deutschen Justizvollzugsanstalten ist nach Angaben der Evangelischen Konferenz für Gefängnisseelsorge drogenabhängig. Bei Frauen, die allerdings nur fünf Prozent aller Inhaftierten ausmachen, liege der Anteil sogar bei 60 Prozent, sagte Ulli Schönrock, Vorsitzender der Konferenz, am 12. Mai dem Evangelischen Pressedienst (epd). Die Konferenz verabschiedete zum Abschluss ihrer Jahrestagung (8. bis 12. Mai) eine Stellungnahme zum Umgang mit Drogenabhängigen im Knast. Darin werden vor allem Entziehungsmaßnahmen angemahnt.

Momentan sei die medizinische Versorgung und damit auch die Drogentherapie Sache der jeweiligen Justizvollzugsanstalt, erläuterte Schönrock. Eine Therapie werde wegen der hohen Kosten jedoch so gut wie nie angeboten. Dabei sei die Abhängigkeit von Rauschmitteln das zahlenmäßig größte Problem in den Strafanstalten. "Das müsste generell geregelt und nicht in die Verantwortung der einzelnen Anstalten gelegt werden", sagte Schönrock.

Für die Gefangenen sei es kein Problem, trotz rigider Kontrollen an Drogen zu gelangen, erläuterte Schönrock. "Man müsste ein Gefängnis schon hermetisch von der Außenwelt abriegeln, um es drogenfrei zu bekommen", ergänzte der stellvertretende Vorsitzende Adrian Tillmanns. Das aber könne niemand wollen.

In der Stellungnahme wird weiterhin gefordert, die nicht abhängigen Gefangenen in eigenen, drogenfreien Abteilungen unterzubringen. "Unter der rigiden Kontrolle haben alle zu leiden, auch die, die es eigentlich nicht betrifft", sagte Tillmanns. Um Drogen ins Gefängnis zu schmuggeln, gebe es wegen der Kontrollen immer ausgefeiltere Methoden. Während es früher möglich gewesen sei, ein Päckchen Haschisch als Schokoladentafel getarnt einzuschleusen, würden heute immer raffiniertere Methoden wie etwa das Aufdampfen der Stoffe auf spezielles Papier angewendet.

Aufgabe der Seelsorger sei es, den Inhaftierten zuzuhören und zu versuchen, ihnen eine neue Sichtweise zu ermöglichen. Die Süchtigen aber, so eine Beobachtung, machten den größten Teil derjenigen aus, die nach einer Entlassung wieder hinter Gitter landeten. "Das nennt man den Drehtüreffekt", sagte Tillmanns.

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