Kultur
Bilder eines schwierigen Menschen
Frankfurter Schirn zeigt Werke des Wiener Expressionisten Richard Gerstl
Frankfurt a.M. (epd). Richard Gerstl (1883-1908) war ein schwieriger Mensch. Immer wieder ist der Wiener Maler im Streit von seinen Lehrern oder Akademien geschieden. Das einzig bekannte längere Schriftstück des Expressionisten ist ein Brief ans Ministerium für Kunst und Unterricht, in dem er sich darüber beschwert, dass seine Werke nicht ausgestellt würden, wo sie doch so brillant seien. Er verlangt gar eine Entschädigung. "Das sind Worte eines selbstbewussten 25-Jährigen", sagt Philipp Demandt, der Direktor der Frankfurter Kunsthalle Schirn.

Oder Worte eines Narzissten. So charakterisierten viele Forscher Gerstl, sagt Ingrid Pfeiffer. Sie ist die Kuratorin einer Ausstellung, die 53 Gemälde Gerstls versammelt. Insgesamt sind nur etwa 60 seiner Werke überliefert. Ein "zorniger junger Mann", ein "bockiger Künstler", so charakterisiert Pfeiffer den Künstler. Es sei das erste Mal in Deutschland, dass ein Museum eine umfassende Schau seiner Werke präsentiere.

Zu Lebzeiten hat der junge Mann nie ausgestellt. Dabei habe er sich durchaus Anerkennung gewünscht und habe in dem Bewusstsein gelebt, grandios zu sein, erläutert Pfeiffer. Bei den wenigen Malen, in denen er hätte ausstellen können, sei er aber mit dem Rahmen nicht zufrieden gewesen. Die Kuratorin erzählt, wie Gerstl sich weigerte, seine Werke in der Galerie Miethke zu zeigen, damals eine der bedeutendsten Kunsthäuser. Gerstl habe seine Gemälde nicht neben den Bildern des bedeutenden Jugendstilkünstlers Gustav Klimt (1862-1918) sehen wollen.

Unbestritten ist Gerstls Kunst einmalig für diese Zeit, niemand arbeitet damals so wie er, wie Pfeiffer schildert, "mit der Farbe zentimeterdick aufgetragen, mit einem meterlangen Pinsel". Er habe die Gesichter seiner Modelle verwischt, andere habe er so wenig vorteilhaft gemalt, dass viele die Bilder nicht haben wollten und Gerstl auf ihnen sitzenblieb. Als Beispiel nennt Pfeiffer das Porträt der Schwestern Karoline und Pauline Fey, das fast schon gruselig wirkt: "Wer möchte schon wie ein lächelnder Geist dargestellt werden?" Gerstl beherrschte viele Malstile, sein Werk ist sehr heterogen. Er habe keinen eigenen Stil entwickeln wollen, sagt Pfeiffer.

Von eigenen Verkaufserlösen war er auch nicht abhängig. Seine Eltern unterstützten ihn, obgleich sein Vater, der erfolgreicher Börsenmakler war, ihn drängte, doch mehr Auftragsarbeiten anzunehmen, um seinen Lebensunterhalt bestreiten zu können.

"Es fällt nicht leicht, Gerstls Kunst losgelöst von seiner Person zu betrachten", sagt Schirn-Direktor Demandt. Das konnte wohl auch Gerstl nicht. Die Schirn hat einen ganzen Raum seinen Selbstporträts gewidmet. Meist zeigte er sich mit kurzgeschorenen Haaren, was der damaligen Mode zuwiderlief und ein Ausdruck des Protests gegen die Gesellschaft war. "Man nannte es 'Sträflings-Kurz'", erklärt Pfeiffer.

Das Selbstporträt sei nicht umsonst das häufigste Motiv Gerstls, sagt die Kuratorin. Künstler, die sich missverstanden fühlen, verbrächten oft viel Zeit damit, sich selbst zu untersuchen und darzustellen. Typisch sei zum Beispiel das früheste Selbstbildnis des Malers, das auch dessen bekanntestes Gemälde sei. Gerstl inszeniere sich in dem Halbakt als eine Art Christus, umgeben von einer überirdischen Aura. "Er präsentiert sich als verspotteter unverstandener Künstler einerseits und als Auserwählter andererseits", informiert der Begleittext des Bildes.

Gerstls Vorbild war der Komponist Arnold Schönberg (1874-1951), der im Bereich der Musik ähnlich avantgardistisch war wie Gerstl in der Malerei. Gerstl verbrachte Urlaube mit ihm und ging in viele seiner Konzerte, was ihn aber nicht davon abhielt, ein Verhältnis mit Schönbergs Frau Mathilde zu beginnen. Als die Liebelei aufflog und Mathilde sich für ihren Ehemann entschied, wurde Gerstl depressiv und erhängte sich.

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Von Nils Sandrisser (epd)