Ethik
Barmherziges oder tödliches Mitleid?
Altenpflegerin vom Vorwurf des Totschlags freigesprochen
Darmstadt (epd). Es klang wie ein verabscheuungswürdiges Verbrechen: Eine Altenpflegerin gibt nachts einem Patienten eine doppelt so hohe Dosis Morphin wie angeordnet, und dieser stirbt eine Dreiviertelstunde später. Die Pflegerin verheimlicht die Gabe, offenbart aber am Morgen bei der Bekanntgabe des Todes den Kolleginnen: "Ich habe etwas nachgeholfen." Diese berichten der Heimleitung, die informiert die Polizei, die Staatsanwaltschaft erhebt Anklage wegen versuchten Totschlags.

Die unbedachten Worte haben die 43-Jährige gefühlt in Teufels Küche gebracht. Bei der Vernehmung hielt der Kommissar ihr vor, aktive Sterbehilfe sei verboten, worauf sie laut Protokoll sagte: "Ich weiß auch nicht, was mich da geritten hat. Es tut mir unendlich leid, ich wollte den alten Mann nur erlösen." Das Landgericht Darmstadt wertete die Antwort auf die Suggestivfrage vor der Urteilsverkündung am Mittwoch als nicht verwertbar.

"Die Angeklagte hat ein Geständnis zu einem Fall gemacht, der gar nicht stattgefunden hat", äußerte der psychologische Gutachter von der Universität Frankfurt, Hartmut Berger. Am Mittag vor dem Vorfall im Mai 2016 war der 85-jährige Patient nach Aussage der Ärztin schon dem Tod geweiht gewesen. Seine Finger und Beine seien blau marmoriert gewesen, er habe keine Ausscheidungen mehr gehabt und keine Reaktion gezeigt. "Es war klar, dass er in dieser Nacht womöglich stirbt", wusste auch die Angeklagte.

Die Ärztin in dem Alten- und Pflegeheim in Beerfelden (Odenwaldkreis) ordnete zur Linderung der Schmerzen die Gabe von fünf Milligramm Morphin alle vier Stunden an. Am späten Abend habe der Patient wieder gestöhnt, berichtete die Angeklagte. Um Mitternacht habe sie dann statt einer halben Ampulle eine ganze Ampulle mit zehn Milligramm Morphin unter die Haut gespritzt. "Ich wollte nur, dass er keine Schmerzen hat, dass er schlafen kann", sagte sie. Im Dokumentationsbuch vermerkte sie allerdings nur die Gabe der verordneten fünf Milligramm und gab fälschlich an, die anderen fünf Milligramm habe sie weggeschüttet.

"Krebs kann höllische Schmerzen verursachen", sagte die Angeklagte dem Gericht. "So soll niemand sterben." Nach Eintritt des Todes "war ich erleichtert, dass er es geschafft hat". Zehn Milligramm Morphin seien keine tödliche Dosis, rechtfertigte sich die Pflegerin.

Der forensische Toxikologe Stefan Tönnes von der Rechtsmedizin der Universität Frankfurt bestätigte, dass die Morphingabe nicht die Todesursache sei. Die Dosis von zehn Milligramm liege sogar an der unteren Grenze des in der Therapie Üblichen. Die Konzentration des im Blut festgestellten Morphins scheide als Todesursache aus. Die Untersuchung des exhumierten Leichnams habe als Todesursache ein Herz-Lungen-Versagen infolge einer Erkrankung des Herzens, der Lungenembolien und -entzündung ergeben, ergänzte die Frankfurter Rechtsmedizinerin Hannelore Held.

Der psychologische Gutachter Berger erläuterte, er sei der sicheren Überzeugung, dass die Angeklagte in der Tatnacht die einzige Absicht verfolgt habe, die Schmerzen des Patienten zu lindern. Es sei nie ihre Absicht gewesen, sein Leben zu verkürzen. Aufgrund des Todeseintritts eine Dreiviertelstunde nach der Morphingabe habe sie aber Schuldgefühle bekommen. So sei es am Morgen zu der "Übersprungshandlung" gekommen, dass sie Kolleginnen sagte, sie habe "nachgeholfen".

Nach zweitägiger Verhandlung sprach das Gericht am 5. April die Altenpflegerin vom Vorwurf des versuchten Totschlags frei. Die Richter verurteilten die 43-Jährige jedoch wegen einfacher Körperverletzung zu einem Jahr Haft, ausgesetzt auf Bewährung für die Frist von drei Jahren. Die Richter ahndeten damit die eigenmächtige Gabe des Schmerzmittels Morphin. Die Verabreichung von Betäubungsmitteln und ein Eingriff in den Körper ohne ärztliche Anweisung seien Körperverletzung, begründete der Vorsitzende Richter Florian Witzemann.

Die Staatsanwaltschaft war von dem ursprünglichen Vorwurf des versuchten Totschlags abgerückt. Oberstaatsanwalt Knut Happel plädierte auf eine Bewährungsstrafe von einem Jahr und drei Monaten, 150 Stunden gemeinnützige Arbeit und ein dreijähriges Berufsverbot. Verteidiger Manfred Döring sah weder einen versuchten Totschlag noch eine Körperverletzung gegeben.

Die Angeklagte schloss mit den Worten: "Ich hatte keinerlei Absicht, den Patienten zu töten; ich wollte nur, dass er keine Schmerzen hat." Nach Verkündung des Urteils hatte die dreifache, alleinerziehende Mutter Tränen in den Augen.

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Von Jens Bayer-Gimm (epd)