Die gezeigten 40 Werke stammen aus der Dauerleihgabe «Sammlung Tiefe Blicke» des Hessischen Landesmuseums Darmstadt, das derzeit wegen Sanierungsarbeiten geschlossen ist. Die ausgestellten Gemälde ermöglichen eine neue Sicht auf die inzwischen arrivierte Kunst. Zu verdanken ist das dem geschickten Konzept von Joch und seinem Museumskollegen Klaus Pohl, die zwei Richtungen analysieren: «Es gab Wilde, die explosiv oder neo-expressiv malten. Und es gab die Spötter und Ironiker, die subtiler malten», wie Joch hervorhebt.
Helmut Middendorf zählte zu den «Wilden»: Sein «Singer III» in eiskaltem Blau rammt das Mikrofon auf die grellrote Bühne. Middendorf störte es nicht, dass beim schnellen Malen die blaue auf die rote Farbe tropfte, gelbe Farbschlieren wiederum über den Sänger klecksten. Wichtiger war der Ausdruck der Gefühle, dafür brauchte das Bild nicht perfekt zu sein. Auch politisch korrekt waren die «Neuen Wilden» nicht. Vor allem die Kirchen war ihnen ein Dorn im Auge. Bei Gerard Kevers «Sehnsucht nach Religionen» kommen sie noch gut weg. Aus einem liegenden Kreuz ragen zwei Hände empor, zwischen deren Zeigefinger ein Bindfaden gespannt ist. Auf dem jongliert eine brennende Kerze, die jeden Moment umzufallen droht.
Während Kever die Kirche als labiles Gebilde sieht, macht sie Blalla W. Hallmann (1941-97) gar für die Trennung in Arm und Reich verantwortlich. Hallmanns Erlöser am Kreuz, eine dürre Figur mit großen Händen und Füßen, teilt das Bild in zwei Hälften. Oben sitzen fette Schweine und sperren unentwegt ihre Mäuler auf, damit sie nichts verpassen von dem Fleisch, dem Geld, den Paragrafen und den Drogenspritzen. Und wenn sie sich entleeren, fällt alles in die untere Bildhälfte, zum gemeinen Volk, das als Masse stilisiert ist. Der Segen von oben erreicht die Menschen unten nicht, da die christliche Religion die Schranken aufrechterhält.
Tiefsinniger sind freilich die Ironiker. Ein regelrechtes Programmbild hat Martin Kippenberger (1953-97) entworfen mit «Tiefe Blicke» (1984), das auch der Sammlung den Namen gab. Es zeigt eine aufmerksam äugende Katze, dahinter leuchtet eine Raute aus Streifen auf, die den weiteren Blick des Betrachters verhindert, ihn abprallen lässt. Tiefenperspektive gibt es nicht, der Betrachter muss sich mit dem zufrieden geben, was er sieht. So waren die Motive der «Wilden» oft zweitrangig, wie Middendorf rückblickend sagt: «Richtig malen. So ein bisschen die Sau rauslassen. Das Bild musste einfach doll sein. Motiv war nicht das Wichtigste. Da ging man abends ein Bier trinken, dann waren halt Bierseidel auf den Bildern.»
epd lmw ds

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