Kirche
© epd-bild/Joachim Fildhaut
Verkauft die Landeskirche das Wildbad Rothenburg?
Finanzchef Barzen: Steigender Instandhaltungsbedarf landeskirchlicher Immobilien
Rothenburg o.d. Tauber (epd). Die bayerische evangelische Landeskirche prüft den Verkauf ihrer Tagungsstätte Wildbad Rothenburg. Es liege aktuell ein Kaufangebot für die Immobilie vor, sagte der landeskirchliche Finanzchef Erich Theodor Barzen dem Evangelischen Pressedienst (epd). Der Interessent könne sich aber auch eine Kooperation vorstellen, bei der die kirchliche Prägung des Hauses erhalten bleibe. Man habe die gut 50 Mitarbeiter über den Sachstand informiert. Um konkrete Gespräche über die Immobilie in exklusiver Lage unterhalb der historischen Altstadt im Taubertal zu führen, müssten Bauexperten sie genau begutachten.

Der Interessent sei bereits als Hotelier in Rothenburg engagiert und möchte das Wildbad ebenfalls vorrangig als Hotel- und Tagungsstätte betreiben. "Durch Synergieeffekte beim Personaleinsatz sowie bei der Belegung mit Gästen strebt der Interessent eine weitere wirtschaftliche Stärkung des Wildbads an", sagte Barzen. Zugleich wolle er mehr in die Instandhaltung und Sanierung des Wildbades investieren, als es die Landeskirche je könnte: "Im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung ziehen wir diese Option in Erwägung." Sie könne Chance für die Mitarbeitenden und das Haus bieten. Über einen Kaufpreis wurde noch nicht geredet.

"Bildungsarbeit wie sie im Wildbad Rothenburg und anderen kirchlichen Häusern passiert, ist uns als Kirche wichtig und darf auch Geld kosten", sagte der landeskirchliche Finanzchef. Das Ziel sei es, Haushaltsmittel vor allem für Inhalte und nur in geringem Umfang für die Instandhaltung von Immobilien auszugeben. Neben einem Verkauf an den Hotelier stehe auch noch der Weiterbetrieb in kirchlicher Regie - also die Beibehaltung des Status Quo - oder eine Kooperation mit dem Hotelier zur Debatte, erläuterte er. Ganz wesentlich für eine Entscheidung werde sein, ob das unternehmerische und inhaltliche Konzept die Landeskirche überzeugt.

Barzen sagte, die vielen landeskirchlichen und teils historischen Gebäude hätten die Kirche dazu veranlasst, den mittel- und langfristigen Bedarf für Instandhaltungen zu erheben. "Entweder wir müssen künftig einen deutlich größeren Anteil des landeskirchlichen Haushalts für Immobilien und deren Erhalt ausgeben, oder man reduziere die Zahl der Gebäude", sagte Barzen. Derzeit wende man jährlich etwa 500.000 Euro für den baulichen Erhalt des Rothenburger Wildbades auf. Nicht darin enthalten seien Kosten für Großmaßnahmen. Mit weiteren ungefähr 500.000 Euro bezuschusse man den laufenden Betrieb der Tagungsstätte.

Die Ansbach-Würzburger Regionalbischöfin Gisela Bornowski äußerte sich zurückhaltend zu den drei Optionen. "Das Wildbad-Team hat in den vergangenen Jahren durch seine engagierte Arbeit und kreative Ideen erst ermöglicht, dass es einen Kaufinteressenten für das Haus gibt", erläuterte die Oberkirchenrätin. Sie hoffe, dass im Falle eines Verkaufs auch die kirchlichen Tagungen und Gruppen noch einen Platz im Wildbad finden. "Zudem haben in Rothenburg auch Menschen Kontakt zu Kirche, die wir sonst eher nicht erreichen. Das ist eine große Chance für unsere Kirche auf ihrem Weg in die Zukunft", sagte die Regionalbischöfin.

Für die Mitarbeitenden sollen weder ein Verkauf noch eine Kooperation Nachteile bringen, sagte Barzen: "Voraussetzung für die Aufnahme von Gesprächen war nicht nur eine Arbeitsplatzgarantie, sondern auch, dass die Mitarbeiter weiterhin nach kirchlichen Tarifen bezahlt werden - und auch die künftigen Tariferhöhungen erhalten. Auch für Gäste soll sich durch den Prozess nichts ändern. Alle bestehenden Reservierungen im Wildbad blieben von dem Entscheidungsprozess unberührt, heißt es in einer Mitteilung der Landeskirche. (00/3059/05.10.2017)

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Die wechselvolle Geschichte des Wildbades Rothenburg

Chronologie

Die bayerische evangelische Landeskirche und das Rothenburger Wildbad - das war keine Liebe auf den ersten Blick. Gekauft wurde der imposante Gebäudekomplex eher unfreiwillig - gemeinsam mit der Stadt wollten Kirche und Diakonie verhindern, dass im Wildbad eine dubiose Meditationssekte einzieht. Aber das malerisch gelegene Wildbad war in seiner Geschichte noch vieles mehr. Der Evangelische Pressedienst (epd) dokumentiert die Etappen in einigen Schlaglichtern:

 

- 1903: Der Tüftler und Erfinder der orthopädischen Prothese, Friedrich von Hessing, der bereits mehrere "Heilanstalten" in Bayern betrieb, lässt das Gebäude in neun Jahren Bauzeit errichten. im Jahr 1903 wird das "Wildbadetablissement" als Kurhotel mit Anwendungsbetrieb eröffnet.

 

- 1917: Ein Jahr vor von Hessings Tod muss der Betrieb des Wildbads aus Kostengründen eingestellt werden. Dem "Kurhotel ersten Ranges", mit seiner weitläufigen Parkanlage nach Vorbild der englischen "Pleasure Gardens", war somit nur ein ziemlich kurzer Erfolg vergönnt.

 

- 1925: Der Landesverband der Bayerischen Ortskrankenkassen kauft das Wildbad in einer Zwangsversteigerung. Dort sollten Fortbildungen für Mitarbeiter und ähnliches stattfinden. Aber auch für diese Zwecke wird das Prachtgebäude unterhalb der Altstadt nur kurz genutzt.

 

- 1939: Während des Zweiten Weltkrieges wird das Wildbad unter anderem als Lazarett, Kinderheim, als Hitlerjugend-Schule und nach Ende des Weltkrieges vom US-Militär als Lagergebäude genutzt. Im Anschluss wird es zur Unterkunft für vertriebene aus dem Baltikum.

 

- 1951: Die Bayerische Bereitschaftspolizei bezieht Quartier im Wildbad und richtet dort ihr Ausbildungszentrum ein. Die Polizei bleibt dort bis ins Jahr 1976, also 25 Jahre - so lange wie noch kein Nutzer zuvor. Nach wie vor gehört es dem Rechtsnachfolger der Ortskrankenkassen.

 

- 1977: Die Meditationssekte "Gesellschaft für Transzendentale Meditation" will eine "Residenz des Zeitalters der Erleuchtung" dort einrichten. Das gefällt der Stadt Rothenburg ganz und gar nicht - sie macht 1978 von ihrem Vorkaufsrecht für 300.000 D-Mark Gebrauch.

 

- 1978: Die Stadt Rothenburg überlässt das Wildbad für die gleiche Kaufsumme der Diakonie Neuendettelsau. Drei Jahre später wird ein "Trägerverein Wildbad" gegründet, dem die Diakonie, die Landeskirche und acht Dekanate aus Westmittelfranken angehören.

 

- 1983: Das Wildbad nimmt nach einer ersten Teilrenovierung und einem Umbau zur Tagungsstätte den kirchlichen Tagungsbetrieb auf.

 

- 1990: Die Renovierung des gesamten Gebäudeensembles wird abgeschlossen. Das Wildbad wird zu 100 Prozent eine Einrichtung der Landeskirche, der Trägerverein in einen Beirat umgewandelt

 

- 1990er und 2000er Jahre: Das Wildbad sorgt mit seinen teilweise enormen Defiziten aus dem laufenden Betrieb für Unmut. Mehrmals wird erwogen, den Prachtbau wieder zu verkaufen - die Vorhaben werden wegen Widerständen und mangels Interessenten stets verworfen.

 

- 2017: Erstmals ist offenbar ein Kaufinteressent auf die Landeskirche als Eigentümer des Wildbades zugekommen und hat ein Angebot für die Immobilie gemacht. Die Landeskirche will nun prüfen, ob ein Verkauf, der Nicht-Verkauf oder eine Kooperation mit dem Interessenten die beste Option ist. (00/3060/05.10.2017)

 

epd lbm dsq cr

Von Daniel Staffen-Quandt (epd)