Kultur
© epd-bild/Roland Rosenbauer
Tetzel auf dem Traktorhänger
Wandeltheater auf Luthers Spuren wird an einem Tag in fünf Gemeinden gespielt
Eckental/Forth (epd). Strahlender Sonnenschein über der St.-Anna-Kirche in Forth, einem Ortsteil der mittelfränkischen Gemeinde Eckental. Die ganze Woche über hat es geregnet, doch an diesem Samstag herrscht ideales Wetter für eine ganz besondere Theaterprobe. Vor dem Gotteshaus aus dem 15. Jahrhundert probt die Kirchenband mit Stephan Falter an der Leadgitarre die Songs für ein großes Lutherspektakel: Gospelsongs, natürlich klassische Lutherlieder, aber auch Pop- und Rocksongs von Bob Dylan oder Led Zeppelin ("Stairway to heaven").

Dazwischen wuseln die Akteure herum, teilweise kostümiert oder noch in Zivil. Jürgen Salzmann alias Luther trägt heute kein historisches Gewand. Mit weißer Farbe sprüht er die Worte "Tod" und "Gnade" auf eine schwarze Folie, die auf einem Traktoranhänger angebracht ist. Dieser Anhänger soll später als Bühne dienen, wenn die Truppe von Ort zu Ort ziehen wird, um Szenen aus Luthers Leben zu spielen.

Das Farbspray hat seine Tücken - es riecht giftig und ist windanfällig. "Da brauche ich einen Mundschutz", meint Salzmann angewidert und fügt hinzu: "Was passiert mit meinem Kostüm, wenn der Wind in meine Richtung weht? Die Farbe geht nicht mehr ab." Regisseurin Martina Switalski, sieht ein, dass hier noch eine bessere Lösung gefunden werden muss.

Die Kirchenvorsteherin und Regisseurin wuselt zwischen den Akteuren hin und her, macht Verbesserungsvorschläge, kritisiert und baut auf. Zwischendurch singt sie ein Lied mit der Band. "Wir wollten auch ein paar Brüche drin haben", erklärt sie. "Diese Szene mit dem Anschlag der Thesen und dem Sprühen der Wörter passt wunderbar zu 'Knockin' on heavens door'."

Sie winkt zwei Teenagern zu, die abwartend auf einer nahen Bank sitzen und mit ihren Handys spielen. Ihr Einsatz naht. Im Stück verkörpern sie Studenten, die mit einem Drucker die Vervielfältigung der Thesen über das neue Medium Buchdruck diskutieren. Eines der Mädchen liest eine These in lateinischer Sprache vor, die andere übersetzt. Das klingt abgelesen, monoton, findet die Regisseurin: "Aber das mit wirklich mehr Enthusiasmus!", fordert sie.

Jeden Samstag trifft sich die Truppe zur Probe vor einer der Kirchen. Die Darsteller des historischen Spiels setzen sich aus den Kirchenvorständen, der Theatergruppe Forthissimo, der Burschenschaft Eschenau und den fünf Pfarrern zusammen. Herausragend ist Pfarrer Johannes Häselbarth alias Tetzel. "Den wollte ich schon immer mal spielen", sagt er. "Das ist die ideale Rolle für mich."

Von der Statur her hätte er auch den Martin Luther spielen können, doch das wollte er dem Schauspielprofi überlassen, meint er bescheiden. Dabei gibt er den Tetzel durchaus glaubwürdig und perfekt. Er schwingt die Axt, während zwei Närrinnen auf der Bühne über ihn lästern: "Tetzel, Johannes, Ablassverkäufer, - Tetzel, Johannes, Beuteldrescher, - Tetzel, Johannes, Dominikaner, - Tetzel, Johannes, der Ehebrecher …" Die Narren sind das Bindeglied zum Publikum und führen es immer wieder zum Geschehen hin. Auch zwei weitere Pfarrer spielen mit. Im Gegensatz zu Häselbarth begnügen sie sich mit Nebenrollen.

Am 21. Mai wird es in keiner der fünf Gemeinden Kalchreuth, Eschenau, Forth, Eckenhaid und Beerbach die üblichen Sonntagsgottesdienste geben. Dafür soll der ganze Tag für alle ein einziger großer Gottesdienst mit Theateraufführung sein, freut sich Pfarrer Häselbarth.

Zur Ankündigung des Spektakels werden bereits seit dem 1. Mai in allen Gemeinden 95 Thesen-Blätter an 95 Haustüren in den Ortschaften angeschlagen. Ein schöner Nebeneffekt ist, dass die Gemeinden durch diese Aktion näher zusammengeführt werden: "Die Pfarrer arbeiten natürlich schon lange zusammen", betont Martina Switalski, "aber die meisten Gemeindemitglieder kennen nicht mal die einzelnen Kirchen".

Das liegt unter anderem an der Struktur der Gemeinde Eckental. Sie entstand während der Gebietsreform 1972 als Großgemeinde aus mehreren zuvor eigenständigen Gemeinden, darunter auch Forth. Zusammen mit den Nachbarorten Kalchreuth und Beerbach, einem Ortsteil von Lauf an der Pegnitz, bilden sie die Region Ost des Dekanatsbezirkes Erlangen. Der versteht sich als Netzwerk der Kirche vor Ort, und das Lutherspektakel ist ein idealer Anlass, die hier lebenden evangelischen Einwohner zusammenzubringen. (00/1517/14.05.2017)

epd lbm ror/jo dsq

Von Roland Rosenbauer (epd)