Soziales
Sägen an Barrieren
Initiativen und Projekte bereiten schrittweise den Weg für Inklusion - Eindrücke von der Messe ConSozial
Nürnberg/München (epd). Inklusion muss in den Köpfen der Menschen ankommen, sagt der Nürnberger Oberbürgermeister Ulrich Maly (SPD) bei der Eröffnung der Messe ConSozial in Nürnberg. Inklusion ist eines der "Megathemen unserer Zeit", erklärt die bayerische Sozialministerin Emilia Müller (CSU). Aber da ist noch einiges zu tun, stellt sie fest. Inklusion ist, "wenn meine Kinder völlig unverkrampft mit Menschen mit Behinderung aufwachsen und umgehen", sagt Eva Neubert aus Hilpoltstein, eine Messebesucherin.

Nicht Gesetze, nicht Bauwerke oder viel Geld schaffen Chancengleichheit im Zusammenleben von Menschen ohne Behinderung mit Menschen mit Behinderung selbstverständlicher, von Alten und Jungen, Reichen und Armen, Zuwanderern und Alteingesessen. Da herrscht Einigkeit überall bei der ConSozial, die in diesem Jahr unter dem Motto steht: "Zukunft: Inklusion".

Jürgen Mertin, stellvertretender Einrichtungsleiter aus Regenstauf, stöhnt: "Warum macht man da ein so riesiges politisches Thema draus und sucht nicht zuerst nach pragmatischen Lösungen?" Pragmatisch ist beispielsweise das Projekt "München für alle", bei dem Eva Meyer und Jakob Ihler als Pädagogen beschäftigt sind. Sie schlagen Brücken zwischen jungen Menschen mit Behinderung und Freizeiteinrichtungen. "Wenn zwei Mädels mit Körperbehinderung tanzen gehen wollen, dann kann ich da was machen", erklärt Meyer den Ansatz.

Sie schreibt im Namen der beiden Jugendlichen Tanzschulen an, fragt nach deren Möglichkeiten, Kosten, Barrieren, checkt die U-Bahn-Verbindung, fragt nach Ermäßigungen. Das könnten theoretisch die Mädchen vielleicht selbst, räumt Meyer ein, "aber da sind Hemmschwellen da, wenn man nicht in einer Clique steckt, die alles zusammen macht".

Auf der Suche nach solchen Konzepten sind Erol Celik und Friedhelm Peiffer. Die beiden wollen Menschen mit solchen inklusionsfördernden Ideen Geld geben aus den Mitteln der Aktion Mensch, ihrem Arbeitgeber. Sei es eine Partnerbörse, ein Fußballturnier, ein Rollstuhlfechtkurs, die Gründung eines inklusiven Chors, "es gibt viele Leute, die ganz bunte Sachen machen und noch am Anfang stehen", sagt Celik. "Das kommt alles von unten", betont auch Peiffer, "diese Leute stützen den Inklusionsgedanken".

Eines seiner Lieblingsprojekte: Die Erfindung einer interaktiven Speisekarte in einem Restaurant, die auf Knopfdruck einem sehbehinderten Menschen das Tagesangebot vorliest oder dem geistig behinderten Menschen in leichter Sprache erklärt. "Im digitalen Bereich wäre noch viel mehr möglich, müsste man nur anpacken", sagt Celik. Eine App, die Texte in Leichte Sprache übersetzt, stellt ein österreichischer Entwickler an einem Messestand vor.

Inklusion sei ein typischer Prozess, der von der Basis nach oben getragen werden müsse und von Akteuren vor Ort lebe, erklärt auch Sandra Schuhmann, Vorstand der Diakonie Bayern. "Man braucht aber trotzdem einen Rahmen, wie die UN-Menschenrechtskonvention oder das Bundesteilhabegesetz, die mit Leben gefüllt werden müssen", sagt die Expertin. Und ohne Geld ginge die Umsetzung auch nicht.

Geld gibt es besonders für die Förderung der Inklusion in der Arbeitswelt - und auch da für kleinere Projekte. Franz Löffler, Bezirkstagspräsident der Oberpfalz und Präsident des Tourismusverbands Ostbayern, stellt bei der Messe ein Beispiel mit Win-Win-Charakter vor. Ein im Stil eines Kreuzfahrtsschiffs gebautes Vier-Sterne-Hotel in Erbendorf (Landkreis Tirschenreuth) arbeite mit 25 Prozent Menschen mit Behinderung. Der Bezirk fördert jeden dieser Arbeitsplätze mit 3.000 Euro. Das Hotel läuft, die Beschäftigten zahlen Sozialabgaben und brauchen keinen teureren Platz in einer Werkstätte.

Und damit hört Löffler nicht auf die Vorteile aufzuzählen: Zugleich habe man mit dem Hotel auch die Beherbergungsbetriebe für den Inklusionsgedanken im Tourismus sensibilisiert. "Schließlich wollen die zehn Prozent behinderte Menschen in unserer Gesellschaft auch Urlaub machen", erklärt der Bezirkstagspräsident. "Beim barrierefreien Urlaub ist noch viel Luft nach oben". Und sicher nicht nur in diesem gesellschaftlichen Sektor. (00/3415/09.11.2017)

epd lbm jo dsq

Von Jutta Olschewski (epd)