Soziales
Riesenangst und Empörung
Afghanen, Ehrenamtliche und Sozialarbeiter besorgt über Abschiebungen - Druck auf Staatsregierung steigt
Nürnberg (epd). Die Taufen hätten nach Ostern stattfinden sollen. Aber die beiden jungen Afghanen, die Christen werden wollten, haben nun Angst vor diesem Schritt, erzählt der Fürther evangelische Pfarrer Kuno Hauck. Wenn sie in ihr Herkunftsland abgeschoben werden, wären sie als Christen vom Tode bedroht, sind die Geflüchteten überzeugt.

Flüchtlinge aus Afghanistan, Sozialarbeiter und Ehrenamtliche in der Flüchtlingsarbeit überall in Bayern hat derzeit die große Angst gepackt: Keiner hält das Bürgerkriegsland für sicher, das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR sagt, ganz Afghanistan sei von einem innerstaatlichen bewaffneten Konflikt betroffen. Vergangenes Jahr habe es 11.500 getötete Zivilisten gegeben. Dennoch sitzen voraussichtlich in dieser Woche wieder abgelehnte Flüchtlinge aus Bayern in einem Flugzeug nach Kabul.

Der Bayerische Flüchtlingsrat geht davon aus, dass das am 22. Februar sein wird. Der neue Termin versetze Flüchtlinge "in Angst und Panik", berichtet Johanna Böhm vom Flüchtlingsrat. "Viele schlafen nicht mehr in ihren Unterkünften, trauen sich nicht mehr in die Schule oder Behörden".

Jonas Adler, der sich in einer Wohngemeinschaft im Y-Home in Nürnberg um jugendliche Flüchtlinge kümmert, weiß, dass sich die Afghanen fürchten, in ihrem Herkunftsland von den Taliban oder dem IS rekrutiert zu werden. "Wenn ich Nachrichten angucke, wird es mir schlecht", sagt er. Zwei der ehemaligen Y-Home Bewohner, Arasch und Ramin sind bereits nach Afghanistan gebracht worden. Einer von ihnen wollte im Sommer in Deutschland seine Freundin heiraten, der andere hatte einen Lehrvertrag für eine Kfz-Werkstatt in der Tasche.

"Es geht eine Riesenangst um", sagt auch Diakon Werner Pfingstgraef, der bei der Rummelsberger Diakonie für die Asylarbeit zuständig ist. "Da sagen wir den jungen Männern jahrelang, strengt euch an, begeht keine Straftaten, tut alles für eure Ausbildung - und jetzt denken die, sie haben sowieso keine Perspektive", schüttelt Pfingstgraef den Kopf.

Sogar so gut integrierte Afghanen wie Elhan fürchten Schlimmes. Der 20-Jährige bekommt ein Stipendium, um in diesem Jahr das Abitur zu machen. Nun aber ist er im Asylverfahren vor dem Verwaltungsgericht Ansbach abgelehnt worden. Hoffnung setzt er nur noch in den Paragrafen 25a des Aufenthaltsgesetz, erzählt er. Der kann Flüchtlingen eine Aufenthaltserlaubnis ermöglichen, die bereits vier Jahre in Deutschland sind und hier einen Schulabschluss gemacht haben, sagt seine Rechtsanwältin.

Inzwischen empfinden junge Afghanen ihre Asylverfahren vor dem Verwaltungsgericht als "Verhandlungen über Leben und Tod", weiß Daniel Klein, Jugend- und Sportreferent beim CVJM (Christlichen Verein Junger Menschen) ist. "Es ist eine riesige Hoffnungslosigkeit", stellt er fest. Er erlebt die afghanischen Flüchtlinge in der Tischtennisabteilung als enorm hilfsbereit, gute Freundschaften seien entstanden.

"Auf einmal sollen die, um die man sich gekümmert hat, wieder gehen", sagt der Generalsekretär des CVJM-Bayern, Michael Götz. Er hat die Schilderungen von den anstrengenden Fluchtwegen vor Augen, ihre jahrelangen Integrationsbemühungen und die katastrophale Sicherheitslage. Und deshalb hat der CVJM in Bayern zum ersten Mal in seiner Geschichte einen Offenen Brief geschrieben. Er ging an den Ministerpräsidenten Horst Seehofer (CSU) und fünf Staatsminister. Darin fordert er, afghanische Flüchtlinge nicht mehr abzuschieben.

Es werden immer mehr, die sich empören: Die Erlanger SPD-Landtagsabgeordnete Alexandra Hirsemann kritisierte scharf, seit Dezember 2016 seien bereits fünf abgelehnte Asylbewerber abgeschoben worden, für die ein Petitionsverfahren im Landtag noch nicht abgeschlossen gewesen sei. Darunter war Khan, der vor fünf Jahren nach Deutschland gekommen war. Er hatte sich mit Erlaubnis der Behörden Arbeit gesucht, Deutsch gelernt "und sich hervorragend integriert", stellt Hirsemann fest. 1.300 Menschen, darunter auch sein Arbeitgeber, eine Firma für Altbausanierung aus dem Landkreis Landshut, unterstützen seine Petition.

Mustergültig integriert, dennoch abgeschoben: solche Fälle schocken Ehrenamtliche und Sozialarbeiter und Arbeitgeber. Der Vorstand der Diakonie Bayern, Tobias, Mähner nennt das Vorgehen "für die Menschen eine Tragödie, volkswirtschaftlich ein Unsinn".

"Grotesk, was hier passiert", sagt Pfarrer Hauck. Ausgerechnet das christliche Bayern werfe die Afghanen aus dem Land, während beispielsweise Schleswig-Holstein die Abschiebungen gestoppt habe. "Die Politik konterkariert, was an der Basis passiert", kritisiert der Pfarrer. Er ist nicht der Einzige, der der CSU vorwirft, dass sie mit ihrer Abschiebepolitik "aus Populismus die Rechten rechts überholen will". Auch Michael Götz denkt, dass die Staatsregierung mit der harten Gangart auf die Alternative für Deutschland (AfD) reagiert. "Wir müssen alle unser Stimme erheben", fordert er. (00/0508/19.02.2017)

epd lbm jo dsq

Von Jutta Olschewski (epd)