epd: Welchen Beitrag leistet die Theologie in der Medizinethik?
Manzeschke: Sie nimmt an den medizinethischen Debatten teil, wie andere Wissenschaften auch. Bedeutsam ist sie dort, wo sie etwas Eigenes zur Geltung bringt. Beispiel Gesundheit: Das individuelle wie gesellschaftliche Bemühen um ein gutes, gesundes, möglichst langes und leidensfreies Leben ist berechtigt. Das kann aber den Blick verstellen auf die letzten Fragen und Aufgaben unseres Lebens. Wer seine letzte Lebensspanne mit intensiver Hochleistungsmedizin verbringt, wird unter Umständen gar nicht mehr dazu kommen, sich zu fragen, was er oder sie noch braucht, was noch zu lösen, zu verabschieden, zu versöhnen ist. Die Theologie eröffnet hier mit Seelsorge, Beratung und ethischer Reflexion Freiheitsräume.
epd: In Japan werden für die Pflege von Senioren Roboter eingesetzt. Automatische Lichtschalter, eine Toilette mit eingebautem Urin-Analysegerät – wie sehen Sie diese technischen Assistenzsyteme?
Manzeschke: Technik kann die zum Teil sehr harte körperliche Arbeit in der Pflege erleichtern. Sie kann individuell auf Menschen und Situationen abgestimmt werden, Pflegeroboter brauchen keinen Urlaub. Für manche Menschen ist es auch weniger beschämend, eine technische Hilfe in Anspruch zu nehmen als auf Menschen angewiesen zu sein.
Technische Assistenzsysteme werden in Zukunft die Haushaltsführung, die Mobilität und auch die gesundheitliche Sorge von Menschen begleiten und erleichtern. Die spannende Frage ist, wann diese Begleitung und Erleichterung in eine fürsorgliche Belagerung oder ein diktatorisches Kontrollregime umkippen. Wie verändert sich die Privatsphäre eines Menschen in seiner Wohnung, wenn diese mit Sensoren, Kameras und Robotern ausgestattet ist? Wie verändern sich sein Selbstverhältnis und seine Selbstbestimmung, wenn er lernt, dass ein Abweichen von Normwerten mit Interventionen beantwortet wird? Diese Fragen untersuchen wir gerade am Institut Technik-Theologie-Naturwissenschaften in einer Studie. Am Ende dieses Jahres werden wir mehr dazu sagen können.
epd: Die meisten Menschen möchten selbstbestimmt alt werden. Was muss geschehen, damit dies ermöglicht wird?
Manzeschke: "Selbstbestimmung" ist ein sozialpolitischer Begriff, der über internationale Vereinbarungen in nationales Recht umgesetzt werden muss. Damit es hier nicht bei Papieren bleibt, wird es darauf ankommen, dass wir sehr genau hinschauen und in der Gesellschaft, in den Gemeinden und Stadtquartieren diskutieren und ausprobieren, wie es gehen kann: Menschen sollen selbstbestimmt, sicher und integriert in ihren Wohnungen und Viertel leben – solange es für Betroffene und An- und Zugehörige gut ist. Der medizinisch-technische Fortschritt beschert uns nicht nur ein höheres Alter, sondern auch neue Gebrechlichkeitssyndrome. Vieles davon werden wir in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen behandeln können. Aber bei aller technischen Qualität der Versorgung werden wir uns Gedanken machen müssen, wie es um die persönliche Zuwendung bestellt sein soll. Das ist eine Frage, die wir nicht nur an die Professionellen aus Medizin und Pflege delegieren können. Hier müssen wir uns als Gesellschaft, als Mitmenschen verständigen.
epd: Medizin als Mittel gegen Alt-sein? Wo sind die Grenzen aus theologischer Sicht?
Manzeschke: Altwerden ist kein medizinisches Problem, sondern eine menschliche Entwicklung. Alter und Gebrechlichkeit können gerade in einer Gesellschaft, die viel Wert auf Jugendlichkeit und Leistungsfähigkeit legt, eine psychische und physische Kränkung darstellen. Alter führt uns noch mal in aller Deutlichkeit unsere Abhängigkeit von Anderen, unsere Verletzlichkeit und unsere Vergänglichkeit vor Augen. Das mag schwer auszuhalten sein. Aber aus theologischer Sicht besteht meines Erachtens unser Reifen darin, dass wir uns genau diesen Themen stellen. Altern könnte dann heißen, sich damit auszusöhnen, dass manches ungelebt blieb im eigenen Leben, dass es aber, so lange es noch Leben gibt, dieses auch von mir und mit der Hilfe anderer gut gestaltet werden darf. (0289/05.02.2012)

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