Soziales
© epd-bild/Peter Themessl
Mit QR-Code zur letzten Ruhe
Bestattungskulturen im Wandel: Gemeinschaftsgräber, Seelensteige und ein Schlosswald
Regensburg (epd). Einen Toten in einem schönen großen Grab zu bestatten, war lange Jahre der Wunsch vieler Angehöriger. Dass das nicht mehr unbedingt so ist, weiß Markus Baumer nur zu gut. Seit 20 Jahren arbeitet er bei der evangelischen Friedhofsverwaltung in Regensburg. "Die Nachfrage nach großen Gräbern sinkt beständig", sagt er. Die Friedhofsverwaltung mache sich deshalb Gedanken, wie sie den Bedürfnissen der Hinterbliebenen besser nachkommen könne. Eine Möglichkeit sei das "personifizierte Gemeinschaftsgrab". Dabei gruppieren sich um eine schön gestaltete Mitte Steintafeln, darunter liegen die Urnen.

Natürlich ist eine Urnenbestattung auch günstiger. Doch die Kostenfrage allein führt nicht zu einem Wandel der Friedhofskultur. "Viele Familien zerfallen, die Kinder ziehen weg, und übrig bleibt eine Großtante, die sich um fünf, sechs Gräber kümmern muss. Irgendwann geht das nicht mehr", sagt Baumer. Die Steinplatten im Kreis bieten dagegen einen zentralen Ort zum Trauern. Und sie sind absolut pflegefrei.

Aber es gibt auch andere Möglichkeiten der Bestattung: Der Friedhof in Pentling im Landkreis Regensburg hat mit der Firma Trauerwald den Gemeindefriedhof um einen Seelensteig erweitert. An einem bislang ungenützten steilen Grashang mit traumhaftem Blick auf die Donau schlängelt sich ein Spazierweg, mit Stationen zum Verweilen. Ein großer Findling, eine riesige Wurzel regen zum Nachdenken an. Auch hier ist Platz für Urnengräber. Grabschmuck ist nicht erlaubt, die Natur übernimmt die Pflege der Gräber.

Wirklich mitten im Wald und weit weg von Siedlungen liegt der Schlosswald im südöstlichen Landkreis Schwandorf. Die nächsten größeren Städte sind Burglengenfeld, Cham und Regensburg. Von dort fährt man gut eine halbe Stunde, am Regen entlang, dann einen breiten Forstweg zwei Kilometer den Wald hinauf. Hier hat Jürgen Kölbl zusammen mit der Stadt Nittenau im Sommer 2015 einen Friedhof mitten im Wald angelegt. Der Name Schlosswald rührt vom nahen Schloss Stefling, das man vom Rand des Schlosswald-Friedhofs sehen kann. Der Wald selbst sieht fast unberührt aus. Moosüberwachsene Felsbrocken ragen aus dem Boden. Die Tannen stehen dicht, aber so, dass ein Fußgänger gut durchkommt.

"Es soll unberührt wirken", begründet Betreiber Kölbl. "Die Arbeit, die dahinter steckt, soll man nicht sehen." An manchen Bäumen sind kleine Glastäfelchen angebracht - eine Anlehnung an die Glasbläser-Tradition im Bayerischen Wald. Daneben wird es unvermutet modern: Ein QR-Code prangt auf kleinen Täfelchen. Wenn man ihn mit dem Smartphone einscannt, dann ploppt auf dem Bildschirm ein Foto des Verstorbenen auf, eine kleine Vita, eine Melodie, Gedanken - eben das, was Angehörige für ihn angelegt haben.

Für den Hintergrund sorgt Jürgen Kölbl: Im scheinbar unberührten Wald fotografiert er die Stelle der Beisetzung und kartografiert sie auf den Zentimeter genau. 70 Zentimeter tief kommt die Asche der Verstorbenen in einer Urne aus Vollholz in den Boden. Die Hinterbliebenen haben keine Arbeit mit dem Grab: Der Wald gestaltet die Umgebung selbst. Nach 30 Jahren soll die Urne zerfallen sein.

Die Angehörigen sind ganz angetan von der Stimmung im Wald. Im Osten glitzert der Fluss Regen, "und bei gutem Wetter können Sie bis zum Arber sehen". Viele suchen sich diese Stelle zu Lebzeiten aus. Einige Bänke laden zum Verweilen, eine überdachte Stelle bietet Raum für die Abschiedsfeier. Man hört manchmal einen Bulldog in der Ferne seine Furchen ziehen, dann wieder - nichts, buchstäblich die letzte Ruhe. (00/3608/24.11.2017)

epd lbm gi cr

Von Peter Themessl (epd)