Kultur
Historikerin Susanne Grasser
© epd-bild / Daniel Staffen-Quandt
"Mikrokosmos" evangelisches Pfarrhaus
Das Museum Kirche in Franken zeigt im Jubiläumsjahr der Reformation eine neue aufwendige Ausstellung
Bad Windsheim (epd). In nur wenigen kirchlichen Bereichen lassen sich die Auswirkungen des reformatorischen Leitsatzes "Ecclesia Semper Reformanda Est" so klar und konkret beobachten wie in evangelischen Pfarrhäusern. Die Kirche ist immer im Wandel, das gilt vor allem für das Auftreten, die Funktion, das Amtsverständnis und die Alimentierung der Pfarrer - aber auch für alle anderen, die in einem Pfarrhaus leben und arbeiten. In der neuen Ausstellung "Nicht Dorfhaus und nicht Villa" spürt das Museum Kirche in Franken in Bad Windsheim der 500-jährigen Geschichte evangelischer Pfarrhäuser in Franken nach. Baulich, kulturhistorisch und menschelnd. Eröffnet wird die Sonderausstellung an diesem Samstag (3. Juni).

Die neue Ausstellung ist zweigeteilt. Während in der Betzmannsdorfer Scheune in der Baugruppe Stadt des Fränkischen Freilandmuseums der Fokus auf das Gebäude an sich gerichtet wird, steht im Museum Kirche in Franken der "Mikrokosmos evangelisches Pfarrhaus" im Zentrum, also Leben und Alltag der Bewohner, erläutert Museumschefin Andrea K. Thurnwald. Die Analyse der Gebäude spendierte der Ausstellung ihren Titel - denn genau das war das Ergebnis: Normale Dorfhäuser waren die Pfarrhäuser nicht. Sie waren meist schon zweigeschossig, der Stall für die Tiere nur selten mit im Haus, es gab oft schon extra Kinderzimmer, eine eigene Badstube - und vor allem mehrere beheizbare Räume.

Kurzum: Die Häuser mussten einen gewissen Repräsentationscharakter haben, schließlich waren evangelische Pfarrer oft nicht nur Vertreter der Kirche und die einzigen Studierten am Ort, sondern eben oftmals auch Vertreter der staatlichen Obrigkeit, etwa des Ansbacher Markgrafen. Viele Pfarrhäuser verfügten deshalb neben der Studierstube fast immer auch über eine gute Stube für den meist spontanen hohen Besuch von Dekanen oder Vertretern des Adels. "Man kann nur in wenigen Fällen von Villen sprechen", sagt Historikerin Susanne Grasser, die maßgeblich an der Ausstellung beteiligt war. Wie genau das Haus aussah, das hing vor allem von der finanziellen Ausstattung einer Pfarrstelle ab.

Mindestens bis zum Protestantenedikt von 1818 - und oft auch noch darüber hinaus - war das Auskommen eines Pfarrers davon abhängig, welche Pfründe eine Gemeinde besaß. Nicht selten mussten Pfarrer in kleineren Dorfgemeinden nebenbei noch Landwirtschaft betreiben, um über die Runden zu kommen. Von der finanziellen Lage hing oft auch der Habitus des Ortspfarrers ab. In reicheren Gemeinden seien Pfarrer oft regelrechte Pfarrherren gewesen, erläutert Grasser. Ganz egal, wie arm oder reich Pfarrer waren: Sie galten als Respektspersonen. Das hatte aus sozialer Sicht nicht nur Vorteile. "Zur Dorfgemeinschaft gehörten sie nur selten richtig mit dazu - und sie wollten es oft auch gar nicht."

Zugespitzt hieß das: Wenn der Pfarrer vor Ort Freunde hatte, dann waren das in der Regel die Ärzte und Apotheker, manchmal auch noch die Lehrer - akademische Berufsgruppen gab es jedoch meistens nur in großen Marktflecken oder Städten. Und gerade mit den Lehrern hatten Pfarrer oft auch Zoff. Denn bis ins 19. Jahrhundert hinein waren Pfarrer vielerorts für die Schulaufsicht zuständig, "also Vorgesetzte der Lehrer", sagt Historikerin Grasser. Diese "Isolation" auf dem Dorf bedeutete: Oft hatten die Pfarrer ihre Freunde in anderen Pfarrhäusern. Verbindungen aus der Studienzeit hielten ein Leben lang, Töchter ehelichten die Söhne anderer Pfarrer. "So entstanden Pfarrerdynastien", sagt Grasser.

Zustande kam die Ausstellung vor allem auch dank der Mithilfe aus der Bevölkerung. Die Wissenschaftler hatten zum einen Leihgaben wie etwa alte Fotos oder Mobiliar aus Pfarrhäusern gesucht für eine Ausstellung, vor allem aber Tagebücher, Briefe und Zeitzeugen-Aussagen. "Man soll den Bewohnern des Pfarrhauses in der Ausstellung begegnen können", sagt Museumsleiterin Thurnwald. Dafür sorgen viele Fotografien sowie Audio-Stationen mit Erzählungen von Pfarrerskindern, Pfarrfrauen und Dienstmädchen. Die Ausstellung greift aber auch heikle Punkte auf. Zum einen natürlich die NS-Zeit, aber auch die jahrelange Nicht-Versorgung von Pfarrwitwen, die früher oftmals schwerer Armut anheimfielen.

Die Schau ist ab kommenden Samstag (3. Juni) bis einschließlich 17. Dezember zu sehen. Zu der Ausstellung erscheint ein umfangreicher Begleitband, der neben zahlreichen Aufsätzen auch kurze Porträts zu 130 fränkischen Pfarrhäusern enthält. (00/1726/30.05.2017)

epd lbm dsq cr

Von Daniel Staffen-Quandt (epd)