Soziales
Messe sucht Zukunftsstrategien für die Pflege
Experte erwartet 3,4 Millionen Pflegebedürftige bis Jahresende - Personalsuche bleibt schwierig
Nürnberg (epd). Der Fachkräftemangel in der Altenpflege bleibt das drängendste Problem der Pflegebranche. Das wird bei der Messe "Altenpflege" in Nürnberg erneut deutlich. Für Messeleiterin Carolin Pauly ist der Bereich Personalgewinnung derzeit das "schwierigste Thema", wie sie dem Evangelischen Pressedienst (epd) sagte. Man stelle daher das Personal in den Mittelpunkt der Messe.

Einen immer größeren Raum nehmen bei der Messe die "Start-up"-Unternehmen ein. Junge Erfinder bringen Becher für Menschen mit Schluckstörungen auf den Markt, haben "Kaltplasma" für die Wundbehandlung entwickelt oder gestalten Gärten für an Demenz Erkrankte.

Manager, Heimleiter und Pflegekräfte wollen sich auch über die Schwerpunktthemen Digitalisierung, berufliche Fortbildung oder neue Techniken in der Küche, beim Wohnen, Therapien oder im Hygienesektor informieren, darunter auch zwei chinesische Delegationen und Besucher aus Dänemark und Spanien. Die 660 Aussteller der Messe rechnen mit einem lebhaften Geschäft, erklärte Pauly.

Besucher wie Stephanie Prill aus Frankfurt am Main erwarten sich "neue Impulse", wie sie beim Messerundgang dem Evangelischen Pressedienst (epd) sagte. Besonders interessierten sie wissenschaftliche Neuheiten, sagte die Pflegedienstleiterin. Pfleger Ronny Sitte und seine Kollegen wollen im thüringischen Gotha ambulant betreute Wohngemeinschaften für Senioren aufbauen und informieren sich über die Rahmenbedingungen für das neue Angebot bei Ausstellern und in Vorträgen.

Aber auch Sitte plagt die Sorge, "ob man genug Personal findet für den Dienst mit Schichtdienst und Wochenendarbeit". Derzeit fehlten der Branche 30.000 Arbeitskräfte, sagte Holger Göpel vom Messemitveranstalter Vincentz Network zu Beginn der Fachmesse. Er fürchte aber, dass die Zahl in einigen Jahren auf 150.000 steige. Als Folge müssten jetzt schon ambulante Pflegedienste schließen. In der Anerkennung des Berufes müsse sich noch viel tun, waren sich die Teilnehmer des Eröffnungspodiums weitgehend einig. Yvonne Falckner, Gründerin eines Online-Portals zur Pflege, forderte eine bessere Vereinbarkeit der Arbeitszeiten vor allem für alleinerziehende Frauen.

Die Zahl der pflegebedürftigen Menschen in Deutschland wird nach Expertenschätzungen auf 3,4 Millionen bis zum Ende des Jahres 2017 ansteigen. Diese Zahl sei bisher für das Jahr 2030 prognostiziert worden, erklärte Göpel. Nach den neuen Pflegegesetzen hätten nun aber mehr Menschen Anspruch auf Pflegeleistungen. Göpel kritisierte, die Bundesregierung habe für die Zukunft nicht mutig genug Reformen für die Pflege angepackt und ließe die Versicherten Verbesserungen selbst bezahlen.

Es sei ein "Unding", dass die Hälfte der knapp drei Millionen Pflegebedürftigen ausschließlich in der Familie gepflegt würden, beklagte Göpel außerdem. Das habe Folgen für die meist weiblichen Angehörigen, die für die Pflege früher aus dem Berufsleben ausscheiden würden. Er befürchte aber auch Menschenrechtsverletzungen in privaten Haushalten, sagte Göpel. Problematisch ist nach Göpels Auffassung auch, dass die Bundesregierung die Schwarzarbeit von osteuropäischen Pflegekräfte in deutschen Haushalten toleriere. Er schätze ihre Zahl auf 600.000. (00/1295/25.04.2017)

lbm epd jo leo