Soziales
Menschenrechtsexperte: Altersdiskriminierung ist unbekanntes Terrain
Pflege, Sprache oder Banken können alte Menschen ausgrenzen
Nürnberg (epd). Nennt man einen alten Menschen einen "Grufti", ist die Sache klar: Das ist eine direkte Diskriminierung, "sie ist zielgerichtet und in den meisten Fällen absichtlich", wie der Inhaber des Lehrstuhls für Menschenrechte an der Universität Erlangen-Nürnberg, Heiner Bielefeldt, bei der evangelischen Landeskonferenz Altersarbeit in Nürnberg erklärte. Aber es gebe versteckte Diskriminierungen von Senioren, die in der gesellschaftlichen und politischen Debatte noch nicht angekommen seien, machte Bielefeldt bei der Konferenz unter dem Motto "Werte verbinden, Werte trennen" deutlich.

Seiner Ansicht nach ist Altersdiskriminierung ein "weitgehend unbekanntes Terrain". Der digitale Fortschritt, Kreditrichtlinien von Banken oder die Pflege von Angehörigen können ältere Menschen gesellschaftlich ins Abseits stellen. Wenn Versicherungen mit älteren Menschen keine Verträge machten oder Beschäftigte gegen ihren Willen ab einem bestimmten Alter in Pension gehen müssten, sind das aus Bielefeldts Sicht weitere Beispiele, wie Senioren benachteiligt werden. "In Sachen Altersgrenze und Ausschluss aus der Arbeitswelt laufen derzeit die meisten Prozesse", sagte er.

Der Jurist und Theologe wies auch darauf hin, dass Ehepartner oder Kinder, die ihre Angehörigen pflegten, isoliert und ausgeschlossen werden könnten. Außerdem reiche die Gesetzeslage nicht aus, um alte Menschen vor häuslicher Gewalt zu schützen. Frauenhäuser seien zum Beispiel für ältere Frauen nicht geeignet. "Und in einer häuslichen Pflegesituation können sie auch niemanden zum Distanzhalten verpflichten."

In der Diskussion über den Umgang mit der älteren Generation gehe es um die Humanisierung und das Selbstverständnis der Gesellschaft "und nicht um den Umgang mit einer bestimmten Klientel", sagte der Menschenrechtsexperte. Er forderte, auch die Potenziale älterer Menschen zu benennen: "Ich glaube immer noch an die Altersweisheit."

Das Thema Altersdiskriminierung sei aber in der gesellschaftlichen Debatte in Europa noch nicht angekommen, stellte Bielefeldt fest. "Es gibt keine überzeugende Antwort, warum Europa hier auf der Bremse steht." In Lateinamerika gebe es eine Menschenrechtskonvention für die Rechte älterer Menschen. Bei den Vereinten Nationen habe seit 2014 die Chilenin Rosa Kornfeld-Matte die Aufgabe als Unabhängige Expertin für die Menschenrechte Älterer übernommen. (00/0401/08.02.2016)

epd lbm jo cr