Kultur
Blick vom Hochfelln auf Gipfelkreuz, Chiemsee und Alpenvorland
© epd-bild/Imke Plesch
Kulturgut, Zankapfel und Tradition
Das Gipfelkreuz gehört fest zu den Ostalpen
München (epd). Es ist ein Bild, das einen festen Platz im Album der europäischen Urlaubsklischees hat: Fröhliche Menschen in bunten Funktionsjacken, ein felsiger Gipfel und dahinter, soweit das Auge reicht, die Bergketten der Alpen. Komplett ist der Schnappschuss für die Trophäensammlung aber nur mit einem besonderen Symbol - dem Gipfelkreuz. Das Foto mit dem Gipfelkreuz sei "mittlerweile einfach in der DNA der Bergsteiger drin", sagt Thomas Bucher, Sprecher des Deutschen Alpenvereins (DAV). "Das Kreuz als Symbol gehört für die meisten zum Gipfel dazu wie die Kirche zum oberbayerischen Ort".

Trotzdem: Eine Selbstverständlichkeit sind Gipfelkreuze nicht. In großer Zahl wurde sie erst ab dem 18. Jahrhundert aufgestellt, besonders viele kamen Mitte des 20. Jahrhunderts dazu.

Berggipfel gelten in vielen Kulturen als Punkte, in denen sich "Himmel und Erde berühren". Darum sind religiöse Symbole naheliegend. Das Kreuz in den Alpen aber ist auch umstritten. Ein prominenter Kritiker ist Bergsteiger-Ikone Reinhold Messner. Man solle die Berge nicht "zu religiösen Zwecken möblieren", sagte er im vergangenen Jahr der "Süddeutschen Zeitung". Im Sommer 2016 beschädigten Unbekannte mehrere Gipfelkreuze in der Gegend um Bad Tölz schwer.

Dabei liegen die Zeiten, in denen das Gipfelkreuz ein rein religiöses Symbol war, schon länger zurück, wie Claudia Paganini urteilt, Philosophin an der Uni Innsbruck. Die ersten Gipfelkreuze, die ab dem 13. Jahrhundert in den Alpen aufgestellt wurden, seien noch der Frömmigkeit der örtlichen Bevölkerung entsprungen, sagt die Autorin, die das Buch "Dem Himmel so nah" über das Phänomen der Gipfelkreuze geschrieben hat.

So habe es beispielsweise früh Kreuze auf "Wetterbergen" gegeben - jenen Gipfeln, hinter denen man Unwetter heraufziehen sah. "Es gab Gebetsrituale an diesen Kreuzen, um um ein mildes Wetter zu bitten". In entlegenen Bergregionen habe man sich auch zu einer Art Gottesdienst am Gipfelkreuz getroffen.

Gleichwohl seien diese Gipfelkreuze auch "weiter den Berg hinauf gewanderte" Verwandte von Wegkreuzen gewesen, sagt Paganini. Die waren seit der Christianisierung in den Alpen vertreten. Als Dankesmale - aber auch als eher profane Weg- oder Grenzmarkierung.

Nachhaltig änderte sich die Lage, als die Alpen zu einem Reiseziel wurden. Adelige, oft aus alpenfernen Gegenden, bestiegen ab dem 18. Jahrhundert die Alpengipfel - und setzten weithin sichtbare Monumente als Zeichen für ihre "Macht über den bezwungenen Berg", wie Paganini erklärt.

Zunächst habe man Fahnenmasten errichtet. Allerdings habe es Sorge gegeben, "Gott ins Gehege zu kommen, Gott in seiner Allmacht in Frage zu stellen, indem man auf diese hohen Gipfel gestiegen ist", erzählt sie. Die Lösung fand sich im Gipfelkreuz.

Die nächste Welle des Alpinismus als Breitensport brachte Kreuze dann auch auf kleinere Gipfel, oft aufgrund von Privatinitiativen. Die meisten Kreuze sei aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg errichtet worden, sagt Thomas Bucher vom Alpenverein - oft als Zeichen der Dankbarkeit von heimgekehrten Soldaten.

Als der Transport durch Helikopter möglich wurde, kam es nach Paganinis Beobachtung zu "echten Challenges, wer das größere, pompösere Kreuz aufstellt". Die Wissenschaftlerin urteilt: "Die haben dann oft eher wie Fremdkörper gewirkt." Mittlerweile gebe es neue Trends. Etwa hin zu künstlerisch gestalteten Kreuzen, die als Zeichen der religiösen Versöhnung, der Offenheit und Toleranz verstanden werden könnten.

Auf Gipfeln in den Ostalpen mischten sich mittlerweile optisch die Religionen, sagt Bucher. An einigen Kreuzen hingen nun auch tibetanische Gebetsfahnen. "Das ist gar kein Konflikt", betont der DAV-Sprecher - es gebe in Bergsteigerkreisen eine "große kulturelle Verbundenheit zu Nepal". Für viele Alpenfreunde im DAV sei das Kreuz ohnehin eher "Kulturgut" als religiöses Symbol.

Wer die Kreuze heutzutage aufstellt, das sei völlig unterschiedlich: Von DAV-Sektionen über örtliche Burschenvereine, Kirchengemeinden oder Privatinitiativen sei alles dabei. Es gebe eine Art "Gewohnheitsrecht", sagt Bucher: "Wer das letzte Kreuz aufgestellt hat, sorgt meistens auch dafür, dass ein neues hinauf kommt." Denn im Normalfall müsse ein Kreuz alle zehn bis zwanzig Jahre ausgetauscht werden: "Da herrscht ja eine raue Witterung in den Bergen."

Womit auch schon das letzte große Rätsel um die Gipfelkreuze angeschnitten ist: Wie viel der Kreuze es in ihrem Hauptverbreitungsgebiet, den Ostalpen, gibt, das weiß wohl niemand. "Viele, viele tausend", sagt Bucher, "mehr oder weniger auf jedem nennenswerten Gipfel in den Ostalpen". Und Paganini ergänzt: "Es kommen ja immer wieder welche hinzu. Und andere verfallen." (00/2337/27.07.2017)

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"Gipfelkreuze gehören seit Jahrhunderten dazu"

Drei Fragen an die Münchner Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler

epd-Gespräch: Susanne Schröder

München ().

Kreuze auf Berggipfeln machten sie demütig angesichts der Erhabenheit der Natur, sagt die evangelische Münchner Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler. Mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) spricht sie über die Kritik an christlichen Symbolen auf den Alpengipfeln und tibetische Gebetsfahnen an Kreuzen.

 

epd: Reinhold Messner kritisiert Gipfelkreuze als "religiöse Möblierung" der Natur. Sollten die Berge mit Rücksicht auf nicht-christliche Wanderer weltanschaulich neutral bleiben?

 

Susanne Breit-Keßler: Ich halte es für ein fatales Signal, sich nicht mehr bewusst zum eigenen Glauben zu bekennen. Eine gute Begegnung mit Menschen auch anderer Religionen findet überall dort statt, wo man sich klar und profiliert zur eigenen Anschauung und Tradition bekennt. Und Gipfelkreuze als Symbol für den liebenden und mitleidenden Gott gehören in unserem Land seit über sieben Jahrhunderten dazu.

 

epd: Was bedeuten Gipfelkreuze für Sie persönlich?

 

Breit-Keßler: Mich bewegen Sie dazu, dankbar an den Schöpfer dieser Welt zu denken, der uns nicht allein ihre Schönheiten geschenkt hat, sondern auch ihr Elend mit uns teilt. Zudem macht mich ein Gipfelkreuz immer demütig in der Erhabenheit der Natur - ich füge mich ein als ein Teil von ihr und bitte Gott um seinen Schutz und seine Begleitung auf allen meinen Wegen.

 

epd: An manchen Gipfelkreuzen hängen zusätzlich tibetische Gebetsfahnen - ist das gelungene Gipfelökumene?

 

Breit-Keßler: Auf Gipfeln in Tibet würde ich es für selbstverständlich halten, dass die Einheimischen ihr Glaubenszeugnis auf diese Weise ablegen. In unserem Land tun wir das mit Kreuzen. Eine Vermischung halte ich für wenig überzeugend. (00/2390/27.07.2017)

 

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"Orte zum Innehalten"

Drei Fragen an Wissenschaftlerin Claudia Paganini zur Tradition der Gipfelkreuze

epd-Gespräch: Florian Naumann

Innsbruck ().

Wer in den bayerischen und österreichischen Alpen unterwegs ist, stößt auf nahezu jedem Berg auf ein Gipfelkreuz. Claudia Paganini forscht am Institut für Christliche Philosophie der Universität Innsbruck. Sie hat ein Buch über Gipfelkreuze geschrieben - und sich Gedanken über den Umgang mit Konflikten rund um die Kreuze gemacht.

 

epd: Gipfelkreuze sind ein prägendes Element in den Alpen - wofür stehen sie?

 

Claudia Paganini: Es gibt da zwei große Linien: Einmal die Traditionen der Einheimischen, für die Gipfelkreuze ein Ausdruck ihrer Frömmigkeit waren. Zum anderen sind sie aber seit dem 18., 19. Jahrhundert auch ein Symbol, mit dem Alpinisten ihre eigenen Leistungen dokumentierten.

 

epd: In den vergangenen Jahren haben sich immer wieder Diskussionen an ihnen entzündet. Wie bewerten Sie die Kreuze ethisch?

 

Paganini: Mir ist es wichtig, die Gipfelkreuze aus der Tradition heraus zu verstehen. Und da ist es eigentlich wie bei allen religiösen Traditionen: Solange dadurch nicht die religiösen Gefühle anderer Menschen verletzt werden - oder sie gar irgendwie rassistisch sind -, haben sie als Tradition eine Berechtigung, weitergegeben zu werden. Die andere wichtige Frage ist: Was kann uns das Gipfelkreuz auf der inhaltlichen Ebene heute noch geben? Da könnte ich mir als Lösung durchaus vorstellen, dass man das etwas offener interpretiert - nicht als Machtbeweis für einen Glauben, sondern als einen Ort, an dem ein Mensch innehalten und sich seiner eigenen Endlichkeit bewusstwerden kann.

 

epd: Wie ließe sich diese "Offenheit" praktisch umsetzen?

 

Paganini: Es wäre zum Beispiel möglich, dass man an den Gipfelkreuzen kleine Täfelchen mit Texten oder Impulsen anbringt, die klarwerden lassen, dass es auch eine große Offenheit gibt für Menschen mit anderen religiösen Überzeugungen und Hintergründen. Das muss man vielleicht nicht auf kleineren Bergen machen, auf denen vor allen Einheimische unterwegs sind. Aber gerade für große Gipfel, auf die viele Urlauber und Menschen aus allen möglichen Bevölkerungsgruppen heraufkommen, wäre das eine Idee. (00/2338/27.07.2017)

 

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Fakten rund um das Gipfelkreuz

Infokasten

München ().

 

– Die ältesten: Gipfelkreuze gibt es in den Alpen wohl seit dem 13. Jahrhundert

 

– Das größte: Als größtes Gipfelkreuz der Welt wird das - inklusive Fundament - 39,5 Meter hohe "Helden-Kreuz" auf der Caraiman-Spitze in den rumänischen Karpaten geführt.

 

– Gipfelkreuz-Boom: Viele neue Gipfelkreuze entstanden nach dem Zweiten Weltkrieg in den Alpen. Oft waren es heimgekehrte Soldaten, die Kreuze errichten ließen.

 

– Die Gesamtzahl: Verlässliche Statistiken über die Zahl der Gipfelkreuze gibt es nicht. Nach Angaben des Deutschen Alpenvereins sind es "Tausende" alleine in den Ostalpen.

 

– Gipfelkreuze in aller Welt: Gipfelkreuze gibt es außer in Mitteleuropa unter anderem auf der iberischen Halbinsel, vereinzelt auch in Nord- und Südamerika.

 

– Äquivalente in anderen Regionen: Im Himalaya sind tibetische Gebetsfahnen auf Berggipfeln üblich. In Großbritannien und anderenorts finden sich bisweilen Steinpyramiden, sogenannte Cairns, auf Gipfeln. Und schon die alten Römer vergruben auf Passhöhen Opfergaben, zum Beispiel Münzen. (00/2339/27.07.2017)

 

epd lbm/bas moc

 

 

Von Florian Naumann (epd)