Soziales
Freie Arztwahl bleibt meist nur Theorie
Menschen mit Behinderung haben große Probleme bei der Suche nach einer Praxis
Würzburg (epd). Jeder Patient hat in Deutschland das Recht, seinen Arzt frei zu wählen - jedenfalls theoretisch. Rein praktisch scheitert dieses Recht an etlichen Hürden. Menschen im Rollstuhl, blinde oder gehörlose Patienten kommen in die meisten Praxen gar nicht hinein oder sie können sich in den Praxen nicht orientieren. Die Suche nach einem Arzt ist für Menschen mit einem Handicap aufwendig, gerade auch in Bayern. Langes Herumtelefonieren im Vorfeld ist oft notwendig, um eine barrierefreie Praxis zu finden.

Diese Situation zementiert die Ausgrenzung behinderter Menschen, findet der Sozialverband VdK in Bayern. Zwar würden vergleichsweise viele Praxen von sich selbst sagen, dass sie "rollstuhlgerecht" sind, sagt VdK-Sprecherin Bettina Schubarth: "Aber einen barrierefreien Zugang weisen nur vier Prozent der Praxen in Bayern auf." Dies ergaben die Recherchen des Verbands in der Datenbank der Stiftung Gesundheit.

Nur fünf Prozent der Praxen haben außerdem Behindertenparkplätze ausgewiesen; und gerade mal ein Prozent bietet Orientierungshilfen für Sehbehinderte an. Laut der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern (KVB) haben bisher lediglich 14 Ärzte und Psychotherapeuten in 14 Praxen der KVB gegenüber die Angabe "Gebärdensprache" gemacht. Eine wirklich umfassend barrierefreie Praxis dürfte es in Bayern wohl nicht geben.

Von dem Beschluss des Bayerischen Landtags, ein Gütesiegel für barrierefreie Arztpraxen zu entwickeln, erhofft sich der VdK keine Verbesserung der Situation. "Zwei der wichtigsten Kriterien bei der Entwicklung so eines Kennzeichnungssystems wären genügend Geld und ein verbindlicher Zeitplan", sagt Schubarth. Beide Kriterien fehlen laut VdK im Landtagsbeschluss: "Hier wird ein reiner Appell an die Träger der Selbstverwaltung zur Entwicklung eines Gütesiegels gerichtet."

Der VdK erwartet von dem Beschluss vor allem auch deshalb keinen Durchbruch, da sich Ärzte nicht gerade um behinderte Patienten reißen, zumal kein Mangel an Patienten besteht. "Hinter vorgehaltener Hand ist zu hören, dass Ärzte nicht gerne mit dem Label 'barrierefrei' werben, da dies ein schwieriges Klientel anzieht", sagt Schubarth. Finanziell sei dies auch nachvollziehbar: "Die Vergütung der Krankenkasse ist nicht höher, wenn jemand sich nur langsam selbst an- und auskleiden oder auf dem Untersuchungsstuhl nur mit Hilfe Platz nehmen kann."

Auch die Bauordnung, die bei öffentlich zugänglichen Gebäude und für Gebäude mit Kundenverkehr bei Neubauten Barrierefreiheit vorschreibt, sei nur ein bedingt wirksames Instrument, sagt VdK-Expertin Schubarth. "Die Bauordnung kann leicht ausgehebelt werden", denn werde ein Gebäude als Bürokomplex geplant, ziehe aber am Ende eine Arztpraxis ein, könne dies dem Mieter nicht angelastet werden.

Dass Initiativen für mehr Barrierefreiheit im Medizinsektor nicht größeren Erfolg haben, wirkt sich - demografisch bedingt - auf eine immer größere Zahl von Menschen in Bayern negativ aus. Es handele sich keinesfalls um ein Minderheitenproblem, bestätigt Schubarth: "9,27 Prozent der Bevölkerung in Bayern sind nach Angaben des Zentrums Bayern Familie und Soziales schwerbehindert." Gerade diese Menschen müssten aufgrund ihrer Behinderung oder Erkrankung meist besonders oft zum Arzt. Was die Problematik verschärfe.

Die Situation wird sich künftig nur entscheidend verbessern, wenn es finanzielle Unterstützung gibt, betont die KVB. So fordern die Ärzte ein Förderprogramm für den barrierearmen Umbau der Bestandspraxen. "Dies ist als Prüfauftrag auch im Nationalen Aktionsplan 2.0 zur UN-Behindertenrechtskonvention vorgesehen, wird bisher allerdings nicht umgesetzt", berichtet KVB-Sprecherin Birgit Grain. Die KVB berät laut Grain ihre Mitglieder weiter darüber, wie sie Räume behindertengerecht umgestalten können: "Häufig erleichtern schon kleine Veränderungen Menschen mit Behinderung den Weg in die Praxis."

Um Barrierefreiheit umzusetzen, braucht es der KVB zufolge auch ein Konzept für eine neue Honorarkalkulation und neue Berechnungen der Bedarfsplanung. In beiden Fällen werde bisher nicht berücksichtigt, dass es Ärzte mehr Zeit kostet, einen Menschen mit körperlicher oder geistiger Behinderung zu behandeln. Dass dieser Mehraufwand in Zukunft berücksichtigt wird, dafür plädierten KVB-Vertreter im März im Bayerischen Landesgesundheitsrat. (00/1819/07.06.2017)

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"Barrierefrei" ist mehr als rollstuhlgerecht

Drei Fragen an: SPD-Gesundheitspolitikerin Ruth Waldmann

epd-Gespräch: Pat Christ

Nürnberg

Medizinische Einrichtungen sollen für alle Menschen mit Behinderung barrierefrei zugänglich sein - so die UN-Behindertenrechtskonvention. In Bayern ist diese Forderung in der Praxis noch längst nicht angekommen. Mehrere SPD-Landtagsabgeordnete um die Gesundheitspolitikerin Ruth Waldmann fordern deshalb ein Gütesiegel für barrierefreie Praxen. Weshalb das notwendig ist und wie es aussehen soll, erklärt Waldmann im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd).

epd: Frau Waldmann, wie schaut es nach Ihren Erfahrungen aktuell mit der Barrierefreiheit in Praxen bayerischer Ärzte und Therapeuten aus?

Waldmann: Belastbares Zahlenmaterial gibt es kaum. Die Zahlen, die teilweise auf Selbstauskünften und Erhebungen der Kassenärztlichen Vereinigung (KVB) beruhen, ergeben ein sehr ernüchterndes Bild. Im Mai 2014 waren in Bayern nur 3.645 der insgesamt rund 11.000 Praxen rollstuhlgerecht. Im Suchdienst der Psychotherapeutenkammer sind bei knapp 1.200 registrierten Praxen 322 rollstuhlgerechte niedergelassene Psychotherapeuten in Bayern registriert. Und nur 15 Prozent aller Zahnarztpraxen in ganz Deutschland sind barrierefrei zugänglich.

epd: Was bedeutet das für Patienten, die eine Behinderung haben?

Waldmann: Viele Menschen haben große Schwierigkeiten, eine barrierefreie Praxis zu finden. Betroffen sind davon nicht nur Patienten mit klassischen Behinderungen, sondern auch Senioren mit eingeschränkter Mobilität sowie Menschen mit akuten Verletzungen. "Barrierefrei" bedeutet im Übrigen nicht nur, dass die Praxis mit einem Rollstuhl erreicht werden kann. Hörbehinderte und blinde Menschen haben noch ganz andere Bedürfnisse. Deshalb ist Barrierefreiheit in umfassendem Sinne nötig, also baulich, audiovisuell und kognitiv. Im Nationalen Aktionsplan 2.0 zur UN-Behindertenrechtskonvention wurde im Juni 2016 ein Beschluss zum uneingeschränkten Zugang zu allen Gesundheitsdiensten gefasst. Der muss jetzt umgesetzt werden.

epd: Sie fordern ein Gütesiegel. Warum ist das notwendig? Und wie soll das genau aussehen?

Waldmann: Die Barrierefreiheit von Praxen ist kein unabdingbares Kriterium im Rahmen der kassenärztlichen Bedarfsplanung, sondern kann vom Zulassungsausschuss neben einer Reihe anderer Kriterien berücksichtigt werden. Wir wollen aber, dass alle Praxen barrierefrei gestaltet werden. Um hierfür Anreize zu schaffen, fordern wir als SPD ein Gütesiegel. Unser Antrag wurde auch einstimmig angenommen, an der Umsetzung dieses Siegels wird derzeit gearbeitet. Grundlage dafür soll ein Zertifizierungsverfahren sein, das auf verschiedenen Kriterien basiert. Die Kosten für den Umbau von Bestandspraxen sind teilweise recht hoch, da stellt sich die Frage nach Förderung und Unterstützung. Wenn es aber öffentliche Zuschüsse oder Darlehen geben soll, ist ein vernünftiges Gütesiegel eine Voraussetzung, um die Förderwürdigkeit eines Projekts auch einschätzen zu können. (00/1820/07.06.2017)

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Von Pat Christ (epd)