Soziales
Martin Grabe, Direktor der Akademie für Psychotherapie und Seelsorge in Frankenberg (Eder)
© epd-bild/privat
"Flüchtlinge werden zur Projektionsfläche für eigene Ängste"
Psychiater Martin Grabe über den Kongress für Psychotherapie und Seelsorge in Würzburg
Würzburg/Frankenberg (epd). Ende Mai lädt die Akademie für Psychotherapie und Seelsorge aus dem nordhessischen Frankenberg (Eder) zum 9. Internationalen Kongress für Psychotherapie und Seelsorge nach Würzburg ein. Bis zum 3. Juni steht im Kongresszentrum das Thema "Das Fremde - in mir, in dir, in Gott" im Zentrum von über 100 Veranstaltungen. Für den Kongress haben sich nach Angaben der Veranstalter bereits um die 800 Teilnehmer aus dem deutschsprachigen Raum angemeldet. Psychiater und Psychotherapeut Martin Grabe erklärt, welche Idee hinter Akademie und Kongress steckt. Der Akademie-Direktor ist seit dem Jahr 1998 Chefarzt der Abteilung für Psychotherapie und Psychosomatik der Klinik Hohe Mark in Oberursel.

epd: Herr Grabe, Psychotherapie und Seelsorge - wie passt das genau zusammen? Sind Psychotherapeuten auch Seelsorger oder andersrum?

Grabe: Genau das ist das traditionelle Problem von Psychotherapie und Seelsorge: Viele Vertreter beider Professionen glauben, sie haben ganz und gar nichts miteinander zu tun. Aber die Patienten oder Klienten von Psychotherapeuten und Seelsorgern sind oft die selben Menschen. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen: Es ist oft reiner Zufall, ob ein Mensch beim Psychotherapeuten oder beim Seelsorger landet, wenn er Hilfe für sich sucht. Es ist eines der Hauptanliegen unserer Akademie sowie des Kongresses, genau dafür zu sensibilisieren. Sinnfragen spielen auch in der Psychotherapie eine fundamentale Rolle, während in der Seelsorge auch therapeutische Methoden von großer Wichtigkeit sind.

epd: Das klingt jetzt fast ein bisschen so, als müsse ein Therapeut zwangsläufig auch einen Bezug zur Religiosität haben...

Grabe: ... ich würde es so sagen: Ich glaube tatsächlich, dass ein militant atheistischer Therapeut vielen Menschen wenig helfen könnte. Die "Mindestvoraussetzung" ist, um erfolgreich therapeutisch arbeiten zu können, sensibel dafür zu sein: welche Rolle spielt Religion und Glauben für mein Gegenüber? Die Psychotherapie wäre arm dran, wenn sie nicht einbeziehen würde, dass Glaube und Religion bedeutungsvolle Ressourcen für einen Menschen sein können. Ein Psychotherapeut muss nicht desselben Glaubens sein wie sein Klient. Aber eine wertschätzende Offenheit ist oft maßgeblich für den Erfolg einer Psychotherapie.

epd: Ihr Kongress-Thema beschäftigt sich mit dem "Fremden". Wie "tagesaktuell" ist dieses Thema gewählt worden?

Grabe: Das Thema haben wir schon vor langem ausgewählt, das war keine kurzfristige Entscheidung. Das Fremde ist ein Grundthema in der Tiefenpsychologie - das Fremde in mir selbst, das ist der Bereich, der uns Komplikationen im eigenen Leben machen kann. Vieles im Leben können wir nicht ausschließlich mit unserer Logik und Intelligenz regeln. Statt dessen hakt es mal hier und da, es gibt innere Konflikte, die uns oft nicht bewusst sind, sonst würden wir versuchen, sie zu lösen, statt darunter zu leiden. Jeder Mensch hat innere Konflikte, die verschieden stark ausgeprägt sind und unterschiedlich stark ins Leben eingreifen.

epd: Sie sprechen aber nicht nur über das Fremde "in mir", sondern auch "in dir". Inwieweit spielt das Thema Flüchtlinge eine Rolle?

Grabe: Das fließt natürlich mit ein. Wir haben zwei Leute aus der Praxis als Referenten, die in der Flüchtlingsarbeit engagiert sind. Aber es ist ja so, dass sich diese beiden Pole durchaus berühren: An der Stelle, wo es Hass auf Flüchtlinge gibt, wo einfache populistische "Lösungen" genannt werden, überall da kann man davon ausgehen, dass es den Anhängern solcher Ansichten tiefenpsychologisch gesehen darum geht, das eigene Fremde in sich abzuwehren. Flüchtlinge werden zur Projektionsfläche für eigene Ängste und Probleme. Tatsache ist: Selbst wenn alle Flüchtlinge plötzlich weg wären, wären diese Menschen nicht glücklicher, weil sie ja noch immer mit dem Fremden in sich zu tun hätten. Es würde ihnen sogar schlechter gehen, weil ihnen die Projektionsfläche fehlte.

epd: Wer nimmt an ihrem Kongress teil? Sind das ausschließlich christlich geprägte Mediziner, Psychologen und Theologen?

Grabe: Überwiegend kommen unsere Teilnehmer aus dem christlichen Bereich, da allerdings konfessionsübergreifend, das spiegelt sich auch in der Zusammensetzung der Referenten wider: Katholisch, evangelisch, freikirchlich, es ist alles vertreten. Wir haben zunehmend auch katholische Teilnehmer, das freut uns sehr, weil wir ursprünglich stark evangelisch geprägt waren. Die Teilnehmer müssen keine Kirchgänger sein, aber eine gewisse Offenheit für Glauben und Spiritualität ist schon wichtig, sonst fühlt man sich wahrscheinlich nicht wohl. Wir bemühen uns aber um eine deutliche Kennzeichnung der einzelnen Veranstaltungen: Jeder soll selbst sehen und bestimmen können, ob er in eine Andacht geht oder in einen Fachvortrag. Da werden dann auch keine christlichen Lieder gesungen! (00/1514/14.05.2017)

epd lbm dsq

epd-Gespräch: Daniel Staffen-Quandt