Soziales
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"Eine traumhafte Truppe"
Wohnungslosen-Fußball hilft sozial isolierten Menschen - Deutsche Meisterschaften in Nürnberg
Nürnberg (epd). Etwa 15 Männer sind zum Training gekommen. Es ist 30 Grad heiß, von der Kläranlage in der Nähe weht ein unangenehmes Lüftchen herüber. Doch die Kicker stört das nicht. Nur einmal eine kurze Trinkpause, dann laufen sie auf dem Hartplatz bei der Theodor-Heuss-Brücke in Nürnberg wieder dem Ball hinterher. Nur noch wenige Tage, dann treten die 25 bis 50 Jahre alten Kicker von "Acht auf Kraut" bei den Deutschen Straßenfußball-Meisterschaften (28. bis 29. Juli) der Wohnungslosen in Nürnberg an.

Mitspieler Manuel sagt, er staune selbst, wie gut er zurzeit fußballerisch in Form sei. Und natürlich hoffe er, dass die Mannschaft wieder einmal den Titel holt. Aber in erster Linie ist das Team "Acht auf Kraut" nun sein Leben: "Wie ein Lottogewinn, wie eine Familie", schwärmt der 39-Jährige. Es lenke ihn von anderen Dingen ab. Seit einer Woche hat er auch eine Arbeit. Zur Spätschicht muss er erst nach dem Training um 22 Uhr antreten.

Trainer Jiri Pacourek, Mitarbeiter beim Angebot "Sozialer Sport" der Wohnungslosenhilfe Rampe in Nürnberg, deutet auf die verschwitzten Sportler. "Der wohnt in einer Gemeinschaftsunterkunft, der im Übergangsheim für Wohnungslose, einer ist transgender, ein anderer nimmt Drogen, wieder einer ist spielsüchtig." Gemeinsam ist ihnen: sie haben kaum Familienanschluss, wenig Freunde, sind sozial isoliert. "Das sind Einzelgängertypen, die durch den Sport wieder etwas Anerkennung finden", sagt der Co-Trainer, Sozialpädagoge Matthias Eigl.

Dany ist 31 Jahre alt. Der Verein Rampe hat ihm 2008 geholfen, einen Schulabschluss nachzumachen, erzählt der junge Mann. So ist er auch zur Mannschaft gestoßen. "Hier lernt man nette Menschen kennen", findet er. Schon als Fünfjähriger hat er bereits gekickt und später bis zu einem Kreuzbandriss sogar in der Liga. Eine Lieblingsposition hat er nicht: "Hauptsache Spaß", sagt er.

Marion Weidinger, Mitarbeiterin der Rampe, verweist auf die Bedeutung, die Training und Turniere für die Wohnungslosen und Flüchtlinge haben: "Diejenigen mit Suchtproblemen versuchen tatsächlich, nüchtern zu kommen, weil ihnen das wichtig ist."

Immer wieder tauchen beim Training auch neue Gesichter auf. Menschen, die in Not sind, aber noch nicht wissen, wie und wo sie sich Hilfe suchen können. Für solche Fälle hat Pacourek nicht nur Kickerschuhe und kurze Hosen zum Leihen dabei. Er vermittelt die Hilfesuchenden an die passende Beratungseinrichtung. Jiri Pacourek kann sich in seine Schützlinge hineinversetzen, er war vor vielen Jahren selbst wohnungslos, drogenabhängig und spielsüchtig.

Heute ist Pacourek in der Bundesvereinigung für Soziale Integration durch Sport "Anstoß" der Bundestrainer, der auch die Auswahl für die Weltmeisterschaften der Homeless-Soccer zusammenstellt. Die finden im Sommer in Oslo statt. In dieses Team hat er Kristjan Lela berufen, der beim Sozialen Sport seit zwei Jahren mitmacht. Ausschlaggebend waren "eine gewisse Stabilität und soziale Kompetenzen. Bereitsein fürs Gespräch ist wichtiger als das fußballerische Können", erklärt der Trainer. Und sein Spieler pflichtet ihm bei: "Ich war ziemlich sozial isoliert, aber jetzt kann ich auch mal anderen Leuten helfen."

Jetzt treten aber erst mal 20 Teams aus ganz Deutschland mit etwa 200 Sportlern in Nürnberg zu den Deutschen Meisterschaften für Wohnungslose an. Zu den Teilnahmebedingungen gehört, dass die Mehrzahl der Spieler eines Teams im vergangenen Jahr wohnungslos war, sich ihr Haupteinkommen mit dem Verkauf von Straßenzeitungen verdient oder auf Drogen- oder Alkoholentzug sind, sagte Koordinator Stefan Huhn. Er wählt aus den Bewerbungen die Turnier-Teams aus. Hinter den meisten stehen soziale Einrichtungen wie die Herzogsägmühle bei Weilheim.

Von dort kommen die "Grashüpfer" mit Kickern, die schon auf die 60 Jahre zugehen. Marion Weidinger ist ein eingefleischter Fan der "Grashüpfer", die ihrer Ansicht nach den Gedanken dieser Wohnungslosen-Meisterschaften am besten verkörpern: Sie wollen dabei sein, sie lachen viel, freuen sich wahnsinnig über die Verköstigung und sind nicht die beste Mannschaft: "Eine traumhafte Truppe!" (00/2296/24.07.2017)

epd lbm jo mu-

Von Jutta Olschewski (epd)