Soziales
Maede Soltani
© epd-bild / Thomas Tjiang
"Der Welt fehlt die Balance"
Maede Soltani kämpft für vergessene Gefangene und für ihren Vater, den Menschenrechtler Abdolfattah Soltani
Nürnberg (epd). Maede Soltani sitzt in einem Straßencafé mit Blick auf die Straße der Menschenrechte. "Nürnberg ist meine zweite Heimat geworden", sagt die gebürtige Iranerin, die 2005 zum Studium nach Deutschland kam und nun seit sechs Jahren in Nürnberg lebt. In die Frankenmetropole ist sie wegen einer freien Stelle für Industriedesign gezogen.

Nürnberg ist die Stadt, die ihrem Vater Abdolfattah Soltani, einem iranischen Rechtsanwalt und Menschenrechtsverteidiger, im Jahr 2009 den Internationalen Nürnberger Menschenrechtspreis in Abwesenheit verlieh. Auf dem Weg zur Verleihung verweigerten ihm die iranischen Behörden am Flughafen die Ausreise.

Maede Soltani lebt in zwei Welten, "ein Paradox", sagt sie. Einerseits verfolgt sie intensiv die Nachrichten aus dem Iran, auch über Festnahmen und Hinrichtungen. Andererseits lebt sie hier ein Leben in Frieden. Aber das Leben in einer "Welt mit Luxusproblemen wie Arbeitsstress oder Familienprobleme verstehe ich nicht", sagt sie. "Wenn auf der anderen Seite Menschen kein Recht auf ein faires Verfahren, kein Recht auf Menschenwürde, religiöse Freiheit und individuelle Selbstbestimmung haben." Der Welt fehle die Balance.

Nach ihrem iranischen Abitur will die 1980 geborene junge Frau unbedingt im Ausland studieren. Doch ihre Sprachkenntnisse reichen noch nicht aus. Also absolviert sie einen iranischen Bachelor in Industrial Design, um dann im niedersächsischen Braunschweig an der Hochschule für Bildenden Künste das Diplom zu erlangen. Als sie 2005 ihr Visum für Deutschland erhält, ist ihr Vater nach einer viermonatigen Haft im Jahr 2004 gerade zum zweiten Mal verhaftet worden.

"Ich konnte mich nur im Gefängnis von ihm verabschieden." Als sie nach ihrem Studium 2010 zurück in den Iran fliegen will, rät ihr Vater ihr ab. "13 Verfahren waren gegen ihn offen", erinnert sich Maede. "Er befürchtete, dass ich vielleicht am Flughafen verhaftet werde."

Maede Soltani ist es, die 2009 den Menschenrechtspreis für ihren Vater entgegennimmt. Und sie kämpft seitdem für sein Anliegen im Iran. Abdolfattah Soltani sitzt seit 2011 zum vierten Mal im Evil-Gefängnis für politische Gefangene im Norden Teherans, das für seine miserablen hygienischen und medizinischen Bedingungen berüchtigt ist. Tochter Maede organisiert Aktionen, gibt Interviews und versucht mit viel persönlichen Einsatz und Kraft, Unterstützung zu organisieren. "Der Staat will, dass Gefangene in Gefängnissen vergessen werden", sagt sie, "wer vergisst, hilft den Diktaturen".

Maede Soltani kämpft für diejenigen, die im Gefängnis sitzen, "egal ob in Peru, in der Türkei oder im Iran". Und sie macht sich selbst Mut: "Ohne die ganzen Aktionen hier wäre mein Vater bestimmt in einer anderen Situation," auch wenn man es nicht genau wissen könne, wie der Einsatz wirke. Vielleicht wäre ihr Vater in ein anderes Gefängnis 1.200 Kilometer weit weg von Teheran verlegt worden. Mittlerweile gebe es auch wieder Hafturlaub, selbst die medizinische Versorgung des erkrankten Häftlings habe sich verbessert.

Hoffnung hat sie auch, weil sie in Deutschland in einem Land lebe, dessen Geschichte "noch dramatischer" sei als die Situation derzeit im Iran. Deswegen geht Soltani mit ihren Gästen gern ins Nürnberger Dokumentationszentrum und ins Memorium Nürnberger Prozesse, wo nach dem Zweiten Weltkrieg die Nürnberger Prozesse gegen die Kriegsverbrecher stattgefunden haben. "Es kommt eine Zeit, in der wir auch den Iran und seine Geschichte in der Öffentlichkeit kritisch diskutieren können", ist sie überzeugt.

Maede Soltani hat Durchhaltevermögen und will weiterhin "von hier aus mehr Druck auf den Staat Iran machen". Gleichzeitig nimmt sie sich zurück. Im Vergleich zu ihrem Vater und anderen Aktivisten, die sich und ihre Familien in Gefahr für einen besseren Iran gebracht haben, "mache ich nichts, außer im Frieden ein Interview zu geben und in Freiheit nach Hause gehen". (00/2719/05.09.2017)

epd lbm ttj/jo cr

Von Thomas Tjiang (epd)