Ethik
"Der Weg führt direkt in die Klimakatastrophe"
Experten bei BioFach-Kongress: Industrielle Landwirtschaft keine Lösung gegen Hunger
Nürnberg (epd). Weltweit spaltet der Kampf gegen den Hunger in zwei Lager. Auf der einen Seite stehen die Befürworter einer weiteren Industrialisierung der Landwirtschaft in den ärmeren Ländern. Sie empfehlen unter anderem Hightech-Maschinen auf großen Flächen und optimiertes Saatgut. Auf der anderen Seite stehen die Befürworter einer kleinteiligen Landwirtschaft, die möglichst agrarökologisch - nicht unbedingt biozertifiziert - das Auskommen von Kleinbauern sichert. Vertreter dieser zweiten Gruppe saßen in Nürnberg in einer Podiumsrunde zum Thema "Hunger bekämpfen, Welternährung sichern" beim Kongress der Messe BioFach in Nürnberg zusammen.

Eine industrielle Landwirtschaft könne zwar kurzfristig mehr Kalorien zur Welternährung produzieren. Mittel- und langfristig führe "dieser Weg in die Irre, direkt in die Klimakatastrophe", erklärte Felix Prinz zu Löwenstein, Vorstandsvorsitzender des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft BÖLW. Beispiele für agrarökologische Landwirtschaft gebe es viele. Dazu zählen unter anderem die Kooperativen von Kleinbauern, die rund um die Welt etwa Fairtrade- oder Bioprodukte anbauen und verkaufen.

Im afrikanischen Kamerun versucht derzeit die Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) im Auftrag des Bundesentwicklungsministeriums über "Grüne Innovationszentren" die Situation für die Agrar- und Ernährungswirtschaft vor Ort zu verbessern. Ein Ziel sei es, bis zum Jahr 2021 das Einkommen von 70.000 Kleinbauern um ein Viertel zu erhöhen, sagte der GIZ-Leiter Arne Schuffenhauer. Man unterstütze Kleinbauern, die fast ausnahmslos nicht mehr als vier Hektar bewirtschaften, in der Weiterverarbeitung von Kakao, dem Anbau von Kartoffeln oder der Aufzucht von Geflügel.

Ein großes Problem vor Ort: Die Jugend vom Land zieht lieber in die Stadt und fährt Motorrad-Taxi, denn Landwirtschaft bedeutet für sie: "Kein Internet, kein Fernsehen und schlechte Straßen." Zudem ist Feldarbeit eine beliebte Strafe in den Schulen. Durch höhere Einkommen und einfache Mechanisierungen auf dem Acker könnte ein Bewusstseinswandel eingeleitet werden, hofft Schuffenhauer. Darüber hinaus will er den Organisationsgrad der Kleinbauern verbessern. Nur mit Kooperativen, die sich selbst regulierten und kontrollierten, könne Wissen schneller vermittelt werden.

In Sri Lanka ist man schon weiter. Dort hat Sarath Ranaweera vor über 20 Jahren die Firma Bio Food gegründet, die unter anderem Faritrade-Tee produziert. Heute gehören der Kooperation bereits 12.000 Farmer an. Neben einem planbaren Mindesteinkommen für die Kleinbauern, gehören auch der Schutz des Bodens, traditionelles Saatgut und nachhaltiges Wirtschaften zu den Erfolgsbausteinen. Dafür hat Ranaweera einen natürlichen Düngerbetrieb auf regionaler Basis initiiert, der die teils ausgelaugten Böden ohne "Chemikalien der Dünger-Mafia" naturnah wieder fruchtbarer machen soll.

Zu seinen überraschenden Erfahrungen gehört auch, dass 70 Prozent des Düngers von konventionellen Bauern aus dem Umland aufgekauft wird. Der Ertrag mit seinem Dünger ist einfach höher.

Marita Wiggerthale von Oxfam Deutschland forderte bei Initiativen Kleinbauern in entfernt gelegenen Landstrichen oder auch Frauen, die häufig die schwere Feldarbeit erledigen, mehr zu berücksichtigen. In Kamerun etwa seien muslimische Frauen für männliche Trainer und Wissensvermittler nicht erreichbar, gabt sie in Nürnberg zu bedenken. Darüber hinaus fehlt ihr auch der globale Ansatz, der Einzelziele wie ausreichende Ernährung, agrarökologische Landwirtschaft, Schutz des Bodens bis hin zu Eigentumsrechten der Kleinbauern verbindet. (00/0493/17.02.2017)

epd lbm ttj/jo cr

von Thomas Tjiang (epd)