Soziales
Heike Wysocki (li.) von der Schwangerschaftsberatung der Wuerzburger Diakonie erklaert einer werdenden Mutter, welche finanziellen Ansprueche sie hat.
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Angst vor dem sozialen Abstieg
In Beratungsstellen für Schwangere ist "Armut" seit Jahren ein großes Thema
Würzburg, Darmstadt (epd). Sich in den Sommerferien im Schwimmbad tummeln, das ist für die vier Kinder der Familie H. aus Würzburg nicht drin. Obwohl der Mann als Lkw-Fahrer Vollzeit arbeitet, reicht das Geld für die Familie nicht. Ungeplant ist nun das fünfte Kind unterwegs. Was die Existenzängste verschlimmert. "Die Familie fragt sich, wie es nun weitergehen soll", sagt Anke Reinauer-Fackler von der Schwangerschaftsberatung der Würzburger Diakonie, die Frau H. derzeit berät.

Das Thema Armut und die Angst davor, sozial abzurutschen, beschäftigen Reinauer-Fackler und ihre Kolleginnen in der Schwangerschaftsberatung stark. Etwa 900 Mal im Jahr berät das Team zu Fragen rund um Schwangerschaft und Geburt. Etwa in jedem zweiten Gespräch geht es um eine aktuell schwierige finanzielle Situation oder um die Befürchtung, durch ein Kind zu verarmen. "Die Problematik besteht seit Jahren", sagt Reinauer-Fackler.

Auf den ersten Blick erscheint die Unterstützung von jungen Müttern gut zu sein: Es gibt Elterngeld und Kindergeld. Jedoch, sagt Heike Pinne, Schwangerenberaterin bei pro familia im hessischen Darmstadt, Eltern- und Kindergeld werden vollständig auf den Hartz-IV-Regelsatz angerechnet: "Das hilft also Eltern, die bereits in einer prekären Situation sind, überhaupt nicht weiter."

"Ich kann meinem Kind doch gar nichts bieten." Diesen Satz hört Birgit Wysocki von der Schwangerschaftsberatung der Würzburger Diakonie von Familien im Hartz-IV-Bezug oft. Und zwar zu recht, erläutert Wysocki am Beispiel einer 27-Jährigen, die sie gerade berät. Die Frau bekam kürzlich ihr zweites Kind. Ihr Partner hat einen Minijob, sie selbst ist bei den Kindern daheim. Der einzige "Luxus", den sich die vierköpfige Familie ab und an gönnt, ist ein Besuch an der Eisdiele, sagt Wysocki.

"Existenz- und Zukunftsängste sind ein nicht zu vernachlässigender Faktor in unseren Beratungen", betont auch Ute Klesy vom Diakonischen Werk Mainz-Bingen. Die Furcht zu verarmen, entsteht vor allem dann, wenn Ausbildung oder Studium wegen des Kindes abgebrochen werden müssen. Besonders kritisch ist die Situation, wenn es keinen Partner gibt. "Mehr als die Hälfte der Alleinerziehenden erhält Sozialleistungen", sagt Klesy.

Um die Situation zu entschärfen, müsste an mehreren Stellschrauben gedreht werden, sagen die Schwangerenberaterinnen der Würzburger Diakonie. Eine Frau, die nur wegen ihres Kindes für ein oder zwei Jahre in Hartz IV abrutscht, sollte einen höheren Vermögensfreibetrag erhalten. Alleinerziehende müssten steuerlich besser gestellt werden. Nach wie vor fehlen Kinderbetreuungsplätze – und zwar vor allem für Mütter, die im Schichtdienst arbeiten.

Ein ganz großes Thema ist bezahlbarer Wohnraum. In Beratungsstellen klagen Schwangere oft darüber, dass sie keine Wohnung für sich und das Kind finden.

Nach Ansicht von Heike Pinne von pro familia in Darmstadt würde sich die Situation nur durch eine große Reform der Leistungen zur Familienförderung wirklich verbessern. Die vielen voneinander unabhängigen, teilweise auch miteinander verzahnten Einzelleistungen müssten zusammengeführt werden. Die Familien sollten eine einzige Anlaufstelle haben, statt zu verschiedenen Ämtern gehen zu müssen. Manchmal warte auch die eine Behörde auf den Bescheid einer anderen, so dass "Monate ins Land gehen können, bevor endlich Geld fließt". (00/2221/17.07.2017)

epd lbm/bas dsq

Von Pat Christ (epd)