Landesdienst
Das Wort zum Reformationsfest

Von Oberkirchenrat Helmut Völkel

Im Zusammenhang mit der Reformation wird gerne und mit gutem Grund auch ein Blick auf das evangelische Pfarrhaus geworfen. Es lohnt sich. Der Reformator Marin Luther, seine Frau Katharina von Bora, die Kinder der beiden, dazu Professoren und Studierende, Freunde und Weggefährten bildeten eine interessante und anregende Gemeinschaft im ersten lutherischen Pfarrhaus. Gutes Essen, gute Gesellschaft und gute Konversation waren ein Markenzeichen. Musik und Gesang kamen hinzu. Tischreden wurden gehalten, mitgeschrieben und kamen so nachhaltig in Umlauf. Das evangelische Pfarrhaus wurde zu einem religiösen und kulturellen Ort der Prägung, der in die Gesellschaft hinein ausstrahlte.

Freilich war und ist die Bedeutung von Pfarrhäusern Veränderungen unterworfen, bis hin zur Frage, ob man den Pfarrerinnen und Pfarrern von heute nicht freistellen sollte, wo sie ihre Wohnung nehmen. Bislang hält die evangelische Kirche aus guten Gründen an Dienstwohnungen fest. Sie legt Wert darauf, dass die Pfarrer und Pfarrerinnen mit ihren Familien auf dem Gemeindegebiet wohnen und so eine gute Erreichbarkeit gegeben ist. Er bzw. sie soll lebendiges Symbol für die Kirche vor Ort sein. Und der von Gemeindegliedern am häufigsten geäußerte Wunsch in diesem Zusammenhang lautet: "Das Licht im Pfarrhaus darf nicht ausgehen."

1545 schrieb Luther seiner Frau "Meiner freundlichen, lieben Hausfrau Katharina Luther von Bora, Predigerin, Brauerin, Gärtnerin und was Sie mehr sein kann." Nun gibt es gewisse Realitäten von heute, die wir nicht übersehen dürfen. Es ist festzustellen, dass sich zugunsten der berufstätigen Ehefrau des Pfarrers, die klassische Pfarrfrau auf dem Rückzug befindet. Die Frau des Pfarrers ist nicht mehr, wie in der Vergangenheit fast selbstverständlich und bis in die 1970 Jahre auch von der Kirchenleitung gerne gesehen, die Frau im Haus, die Frau im Garten und die Leiterin des Frauenkreises, die ihren erlernten Beruf hintanstellen musste. Die Geschichte des evangelischen Pfarrhauses umfasst also auch die Geschichte der Pfarrfrau im Wandel der Zeiten. Es lohnt sich, diesen Spuren nachzugehen, auch und gerade, wenn sie zu einer gewissen Entmythologisierung des evangelischen Pfarrhauses führen. 

Am Anfang war das offene Pfarrhaus: offen durch Gastfreundschaft, offen für Gespräche und Austausch, offen für Seelsorge, Beratung und Trost, offen für ganz unterschiedliche Menschen, aus ganz unterschiedlichen Schichten. Das evangelische Pfarrhaus kann im Wandel der Zeiten bleibende Bedeutung haben, wenn es bei allem Wandel offen ist und bleibt für die Gemeindeglieder in ihren Problemen und Nöten, wenn Durchreisende mit einer offenen Tür und einem belegten Brot rechnen dürfen und wenn seine Bewohner so vom Geist der Nächstenliebe und Offenheit durchdrungen sind, dass dies in der Öffentlichkeit bekannt ist und dankbar wahrgenommen wird. Nehmen wir das diesjährige Reformationsfest als Impuls zum Nachdenken über das evangelische Pfarrhaus.

Oberkirchenrat Helmut Völkel ist Personalchef der bayerischen evangelischen Landeskirche. (3390/26.10.2016)